Dr. Dieter Gawora beschäftigt sich mit dem Thema traditionelle Völker in Brasilien

Von den Ureinwohnern lernen

Berglandbewohner wehren sich: Eine Gruppe der Geraizeiros aus dem Bundesstaat Minas Gerais in Zentralbrasilien blockiert ein Raupenfahrzeug, um die Umwandlung der Savanne in eine Eukalyptusplantage zu verhindern. Foto: nh

Kassel. Es ist ein klassischer Konflikt: Traditionelle Völker wehren sich gegen Großprojekte, um ihr Land zu verteidigen. In Brasilien kämpfen Ureinwohner und traditionelle Gemeinschaften gegen die Rodung von Wäldern und Savannen. Die Regierung gewährt einigen Gruppen Land, anderen nicht.

„Es ist wie bei David gegen Goliath“, sagt Dr. Dieter Gawora, Soziologe an der Uni Kassel. Die traditionellen Völker hätten aber das Potenzial, um viel mehr Einfluss in Brasilien zu gewinnen. „Das muss ihnen aber erst bewusst werden“, sagt Gawora.

Der Kasseler Soziologe besucht regelmäßig brasilianische Ureinwohner, indigene Völker genannt, und traditionelle Gemeinschaften, also Bevölkerungsgruppen, die sich mit ihrer Wirtschaftsweise an die jeweiligen Ökosysteme angepasst haben.

Weltweit gibt es etwa eine Milliarde Menschen, die zu indigenen Völkern und traditionellen Gemeinschaften gehören. Sie identifizieren sich jeweils über eine gemeinsame Kultur. In Brasilien wohnen Berglandbewohner und Flussanwohner und viele andere Gruppen.

Je nach Ökosystem leben sie auf vielfältige und nachhaltige Weise. Sie betreiben Jagd, Viehzucht, Fischfang oder Sammel- und Landwirtschaft, ohne die Natur zu zerstören. Die Völker seien bedroht von Wasserkraftwerken, Bergbau, der Rinderweidewirtschaft und dem Soja- und Eukalyptus-Anbau, da diese ihren Lebensraum zerstörten, berichtet Dieter Gawora.

Ähnliche Konflikte gebe es auch in Europa, wie etwa bei Bauern in Garmisch-Partenkirchen, die gegen die Austragung der Olympischen Winterspiele 2018 auf ihren Flächen sind.

„Nicht jedes Volk möchte so leben wie wir“, sagt der Soziologe. „Wir sollten ihre Entwicklungsideen ernster nehmen.“ Mitteleuropäer könnten nicht im Urwald leben, so Gawora, aber sie sollten verstehen, dass andere Lebensvorstellungen möglich sind. Es gebe schließlich Alternativen zum fortwährenden wirtschaftlichen Wachstum.

Besonders benachbarte Gruppen könnten voneinander lernen. So hätten zum Beispiel landlose Bauern aus Südbrasilien, die von der Regierung in Amazonien angesiedelt wurden, Kontakt mit Kautschukzapfern aufgenommen. Von ihnen haben sie nachhaltige Bewirtschaftungsformen des Regenwaldes übernommen. Das heißt, sie nutzten die natürliche Vielfalt des Waldes und der Flüsse, ohne den Wald großflächig zu roden.

Gawora ist Herausgeber des Buchs „Traditionelle Völker und Gemeinschaften in Brasilien“, das am 7. Juli ab 20 Uhr im Eulensaal der Murhardschen Bibliothek vorgestellt wird (Brüder-Grimm-Platz 4a).

Von Stefanie Dietzel

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