Hintergrund blieb in zehn Verhandlungstagen ungeklärt

Urteil um Schüsse ins Bein am Stern: Zähes Ringen um Beweise

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Der Tatort: Vor der inzwischen geschlossenen Bäckerei von Antonio Basak in Kassel am Stern wurde vor einem Jahr einem damals 25-Jährigen aus Algerien ins Bein geschossen.

Kassel. „Ich entschuldige mich auch bei Euch, es tut mir leid, es kommt nicht mehr vor.“ Mit unschuldiger Miene und glaubhafter Reue wiederholte der Schütze vom Stern in seinem Schlusswort vor dem Amtsgericht Kassel, dass er aus Notwehr gehandelt habe: „Ich hatte wirklich Angst.“

Der Ende November 2015 in der Unteren Königsstraße von ihm niedergeschossene gleichaltrige Mann aus Algerien hörte diese Worte nicht. Der breitschultrige, bärtige Mann, der im Prozess als Nebenkläger mutmaßte, dass der Angeklagte ihn habe umbringen wollen, ließ sich bei der Urteilsverkündung durch seinen Anwalt Werner Momberg vertreten. Der unterstellte dem Angeklagten eine „frei erfundene Version“ über die Einzelheiten der Auseinandersetzung an jenem Freitag vor elf Monaten.

Völlig anders bewertete das der Düsseldorfer Strafverteidiger Bernhard Leis in seinem Plädoyer. Fünf Varianten des spektakulären Geschehens habe das Opfer bei Polizei und Gericht dargelegt. Das zeige die Unglaubwürdigkeit des Angeschossenen und dessen „erhebliche Belastungstendenz“.

Lakonisch musste auch Richterin Sabrina Müller-Krohe nach mühevoller Beweisaufnahme konstatieren: „Wir wissen nach wie vor nicht, worum es ging.“

Fest steht: Der Mann aus Algerien war bei dem zufälligen Zusammentreffen am Stern mit dem Gleichaltrigen aus Libyen in ein Wortgefecht geraten. Auf Arabisch kam es zu einem Streit, den mehrere Zeugen verfolgten. Der körperlich weit überlegene Mann aus Algerien griff sich einen Stuhl aus der Außenrestauration einer Bäckerei, und schließlich fielen zwei oder drei Schüsse.

Mehr als ein Dutzend Zeugen hatte das Amtsgericht vernommen und den auf vier Tage angesetzten Prozess auf zehn Tage verlängert. Doch oft wurden im Gerichtssaal innerhalb eines Verhandlungstages gleich mehrere widersprüchliche Varianten berichtet. Die Richterin in ihrem Schlusswort: „Wir haben tausendundeine Geschichten gehört.“

Der angeschossene Algerier hatte behauptet, dass er als Drogendealer von dem Libyer angeworben werden sollte – und sich darauf nicht einlassen wollte. Bei dem nach eigener Aussage Kokainabhängigen waren bei seiner Versorgung durch den Notarzt vier Plomben mit Koks gefunden worden.

Dass der Schütze ihn habe umbringen wollen, das glaubte dem Opfer selbst Staatsanwältin Fischer nicht. Vielmehr war auch für sie „unbestreitbar, dass der Nebenkläger den Angeklagten zu der Tat provoziert hat“. Der Schusswaffengebrauch unter freiem Himmel zeuge dennoch von einem „erheblichen Gewaltpotenzial“ des Angeklagten. „Man kann von Glück sagen, dass hier nichts Schlimmeres passiert ist.“ 

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