Neun Jahre Haft für die Angeklagte – Zuhörer bewerten den Richterspruch unterschiedlich

Urteil stößt auf gemischte Gefühle

Kassel. In der Menschentraube vor dem Gerichtssaal 130 D im Kasseler Landgericht wird rege diskutiert. Reichen zehn Jahre Strafmaß, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert?

Oder sollten das Alter und die Situation der 22-Jährigen stärker berücksichtigt werden? Etwa 30 Prozessbeobachter haben sich schon eine Viertelstunde vor Beginn der Urteilsverkündung eingefunden. Unter ihnen ist auch Horst Weinrich.

Der 74-Jährige ist aus Bad Emstal gekommen, um die Urteilsverkündung mitzuerleben. Es ist sein erster Gerichtsbesuch, die Berichterstattung hat ihn neugierig gemacht. Nach der Urteilsverkündung ist Weinrich von der Entscheidung des Gerichts enttäuscht. „Ich kann das Urteil nicht mit meinem Inneren vereinbaren.“

Die Tat sei bewusst geplant gewesen. „Für mich persönlich ist das kein Totschlag, sondern Mord.“ Udo Riemann hingegen hätte sich ein milderes Urteil gewünscht. „Der Freund der Angeklagten hat eine Mitschuld, die aber nicht geahndet werden kann“, sagt der 65-jährige Gudensberger. „Mord ist Mord, auch wenn es jetzt Totschlag heißt“, sagt Jürgen Zanko.

Der 51-jährige Homberger ist überrascht, dass sich das Gericht für weniger als zehn Jahre Haft ausgesprochen hat. Aber in der Haut der Richter habe er auch nicht stecken und das Urteil fällen wollen. Ein anderer Zuhörer hält die Entscheidung für gerechtfertigt, hätte aber mit einer Haftstrafe von fünf bis sechs Jahren gerechnet.

Eine Kasselerin, die den Prozess von Anfang an mitverfolgt hat, sagt: „Ich bin selbst Mutter und Großmutter, mir ist das sehr nahegegangen.“ Sie habe auf acht bis neun Jahre Haft für die junge Frau getippt, die Grausamkeit dieser Tat verstehe sie nicht. „Es hätte doch auch andere Möglichkeiten gegeben, wie Babyklappen oder die Freigabe zur Adoption“, sagt die Zuhörerin.

Von Jan Baetz

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