Landgericht senkt Strafmaß in Berufsverhandlung: Neun Monate für Rollkommando

Urteil vier Jahre nach der Tat

Kassel. Nach so langer Zeit fühlten sich die Angeklagten selbst als die eigentlichen Opfer. „Ich möchte nie wieder hier sitzen“, maulte der eine. „Ich hoffe, dass es mit dem heutigen Tag endlich mal zum Abschluss kommt“, klagte der andere. Fast vier Jahre sind vergangen, seit sie – zusammen mit zwei weiteren Männern – einen heute 32-Jährigen in der Wohnung seiner Exfrau an der Frankfurter Straße überfielen und mit einem Staubsaugerrohr verdroschen. Und sie mussten deshalb öfter vor Gericht erscheinen, als ihnen lieb war.

Doch am Dienstag konnten sie den Lohn für das lange Verfahren einstreichen: In der Berufungsverhandlung senkte das Kasseler Landgericht die ohnehin schon milden elfmonatigen Bewährungsstrafen, die das Amtsgericht im Februar wegen Hausfriedensbruchs und gefährlicher Körperverletzung verhängt hatte, um zwei Monate ab. Und: Die Angeklagten einigten sich mit dem Anwalt ihres Opfers darauf, dass sie insgesamt nur tausend Euro Schadensersatz zahlen müssen. Statt der 2000 Euro, die ihnen zunächst aufgebrummt worden waren.

„Diese Einigung ist sicher eine gute Lösung“, lobte Richter Michael Reichhardt – und hielt dem 30-jährigen Kasseler und seinem zwei Jahre älteren Kumpel aus Lohfelden außerdem zugute, dass sie in den langen Jahren seit dem Überfall nicht erneut strafrechtlich aufgefallen sind. Anders als ihr 31 Jahre alter Mittäter, gegen den es mittlerweile eine neue Anklage wegen Kokain-Besitzes gibt. Und der jetzt zur Berufungsverhandlung gar nicht erst erschien.

Ob es auch bei der nächtlichen Staubsaugerattacke um Drogen gegangen war, blieb offen. Alkohol aber war auf jeden Fall im Spiel gewesen. Nach einem durchzechten Abend im Februar 2010 hatten die Angeklagten beschlossen, ihrem Opfer einen Besuch abzustatten – weil der Mann kurz zuvor einen von ihnen heimgesucht und ausgeraubt habe. Aber: Man habe eigentlich nur „reden“ wollen. Und dass sich „das dann irgendwie hochgeschaukelt“ habe, wie es der älteste Angeklagte ausdrückte, daran seien nicht sie schuld. Sondern der vierte Angreifer. Von dem sie allerdings nicht einmal den Namen wüssten. Leider. Dieser Unbekannte sei es gewesen, der die Wohnungstür eingetreten habe. Er habe mit einem Revolver herumgefuchtelt. Habe Fernseher und Kinderwagen zertrümmert. Allein die Schläge mit dem Staubsaugerrohr konnten sie nicht auf ihn abwälzen. Und: Mit ihrem gemeinsamen Auftritt als brutales Rollkommando hatten sie nicht nur ihr Opfer, sondern auch dessen Exfrau und die acht Monate alte Tochter in Angst und Schrecken versetzt.

„Das war kein harmloser Hausfriedensbruch, wie wenn einer über den Zaun klettert“, betonte Staatsanwältin Ingrid Richter und sprach sich – vergeblich – gegen geringere Strafen aus. „Das war der Albtraum schlechthin.“

Von Joachim F. Tornau

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