So versucht ein Kasseler, seine Söhne aus Syrien zu holen

Gestern noch Kind, heute schon Islamist - Ein Vater berichtet

Radikalisierung kein Einzelfall: Dieses Bild stammt aus einem Film mit dem Titel „Der Weg deutscher Gotteskrieger nach Syrien“, der in der ARD lief. Dabei geht es um eine Terrorzelle in Dinslaken (Nordrhein-Westfalen), die sich gebildet hatte. Bild: HR

Kassel. Zusammen mit dem 18-Jährigen aus Kassel, der nun festgenommen wurde, sind zwei andere junge Männer im Oktober nach Syrien gefahren. Wir sprachen mit dem Vater der Männer.

Auf der Fensterbank steht ein Bild aus besseren Tagen. Zwei Jungen im Grundschulalter sind darauf zu sehen. Sie grinsen in die Kamera.

Das Bild ist etwas verblichen, bestimmt über zehn Jahre alt. Wenn der Vater, der exklusiv mit der HNA redete, von seinen Söhnen spricht, kommen ihm die Tränen. Denn er weiß nicht, wo sie sind. Wahrscheinlich irgendwo in Syrien oder der Türkei. Auf jeden Fall nicht in Sicherheit.

Ende Oktober sind seine beiden Kinder (18 und 22) mit einem 18-Jährigen aus Kassel, der jetzt in Frankfurt festgenommen wurde, und einer 19-jährigen Baunatalerin plötzlich verschwunden. Mit dem Auto ging es in die Türkei bis zur syrischen Grenze. „Mir wurde gesagt, sie fahren nach Österreich“, sagt der Vater. Er fand Abschiedsbriefe, man wolle nach den Lehren des muslimischen Glaubens in Syrien leben. Ein Schock für den Geschäftsmann. Jetzt wollen seine Kinder weg von dort.

Der Vater zückt sein Smartphone, will eine Datei abspielen. „Die hat mein jüngerer Sohn mir jetzt geschickt.“ Er drückt auf die „Play“-Taste am Handy, dreht sich weg. Ihm kommen die Tränen. „Papa, ich möchte auch nach Hause.“ Der Vater wischt sich mit den Händen über das Gesicht, wischt die Tränen weg. Das „Papa bitte, Papa“ bleibt im Raum.

Diese Nachricht hat er erhalten, nachdem sein Sohn von der Festnahme seines 18-jährigen Freundes in Frankfurt erfuhr. Jetzt will sein Sohn auch weg, könnte aber festgehalten werden. Zumindest sagt er das in der Sprachnachricht.

Ende Februar, vier Monate nachdem seine Söhne verschwanden, machte sich der Vater selbst auf den Weg in die Türkei. Verzweifelt und enttäuscht von der mangelnden Hilfe von der Polizei, wie er sagt. „Die ist überfordert.“ Dabei habe er ihnen alle Informationen geliefert. Von seinen Kindern hatte er teilweise monatelang nichts gehört. Losen Kontakt, auch zu dem 18-Jährigen, der jetzt in Haft sitzt, gab es aber. Er flog mit zwei weiteren Personen in die Türkei und fand das Auto, mit dem die Gruppe in die Türkei gereist war. Ein Treffen mit dem 18-Jährigen in der Grenzstadt Gaziantep, das vereinbart worden war, misslang. Ohne seine Söhne oder die anderen gesehen zu haben, kehrte er zurück.

Warum? Das ist die Frage, die ihn umtreibt. Wie genau seine Söhne sich dem Gedankengut des Islamischen Staates annäherten, ist nicht bekannt. Optische Veränderung? „Ja, mal hatten sie mehr Bart, mal weniger.“ Aber das beunruhigte ihn nicht.

Der Vater geht davon aus, dass seine Söhne in Kassel angeworben, einer Gehirnwäsche unterzogen und mit falschen Versprechen nach Syrien gelockt wurden. „Das ist wie in einer Sekte“, sagt er. Seine Söhne, das weiß er, waren mit dem 18-Jährigen, der nun in Frankfurt festgenommen wurde, befreundet. Er wurde in Kassel geboren, seine Eltern kamen aus Afrika. Sein älterer Bruder spielt möglicherweise eine Schlüsselrolle. Er ging bereits früher nach Syrien, die anderen könnten ihm nun gefolgt sein. Er soll auf die anderen einen starken Einfluss gehabt haben, sagt der Vater. Sein jüngerer Sohn heiratete sogar noch die Baunatalerin nach islamischen Regeln.

„Die Behörden hätten meine Söhne einsperren sollen. Das wäre besser, als zu wissen, dass sie in Syrien sind.“ Seine Augen sind rot an diesem Morgen. Er wirkt erschöpft. Das seine Kinder Terroristen sind, das kann er sich nicht vorstellen.

Ob sie kämpfen, weiß er nicht

Ob seine Kinder auch gegen das Assad-Regime für den Islamischen Staat gekämpft haben, weiß der Vater nicht. Er vermutet aber, dass sie auf alle Fälle in Ausbildungslagern gewesen sind. Ein Freund aus Kassel, der vor ihnen nach Syrien ging, ist bei Kämpfen schwer verletzt worden. Die Rede war von Bombardements. Der Verletzte ist der Bruder des 18-Jährigen, der nun in Haft sitzt.

Staatliches Schulamt: Zum Islamismus gibt es Netzwerke zur Prävention und Information

Die Schulen in und um Kassel „haben das Problem radikaler Islamismus im Blick und nehmen es sehr ernst“. Davon ist Sabine Schäfer, zuständige Dezernentin im Staatlichen Schulamt, überzeugt. In den vergangenen Monaten habe es zahlreiche Informationsveranstaltungen zu diesem Thema gegeben, ebenso zwei Schulleiterdienstversammlungen. Die Schulen seien gut vorbereitet, um auf entsprechende Beobachtungen und Aktivitäten in der Schülerschaft zu reagieren, so Schäfer.

„Radikaler Islamismus als Herausforderung. Aufklärung, Prävention und Handlungsstrategien für die pädagogische Praxis“. Unter diesem Titel stand kürzlich ein Fachtag im Bürgersaal des Rathauses, zu dem die Stadt Kassel, das Zukunftsbüro und das Jugendamt mit dem Staatlichen Schulamt eingeladen hatten. Er richtete sich an Lehrer, Fachkräfte der Jugendhilfe sowie an Akteure der Integrationsförderung. Es wurde zu salafistischen Glaubensinhalten und Lebensstilen berichtet und über die Anziehungskraft, die sie oft auf Jugendliche ausüben. Als erstes Bundesland habe Hessen ein Netzwerk zur Prävention eingerichtet, das Betroffene, Angehörige und Institutionen berät und unterstützt. Dieses „Violence Prevention Network“ wurde im Rahmen des Fachtags vorgestellt. Schäfer: „Mein Anliegen ist es, weder das Thema aufzubauschen noch zu bagatellisieren.“

Auch der Kooperationsrat (Kora) der Uni Kassel tagte vergangene Woche in der Albert-Schweitzer-Schule (ASS) zum Thema „Radikaler Islamismus - gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen - Auswirkungen auf Lehrerhandeln und -bildung“. ASS-Leiter Stefan Alsenz, ein Vertreter der Schulen im Kora, sagt: „Hinter dem Titel verbergen sich für Lehrer auch Themen wie Schwimmunterricht, Kopftuch-Tragen, Gebetsräume an Schulen oder Sexualkundeunterricht. Das geht uns alle an und wir sollten uns bewusst machen, auf welche Werte wir uns berufen.“

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