Ein Blick auf die Partyszene der Region

Das große Discosterben: Von den Massen verlassen

+
Deutschlandweit ist die Anzahl an Discotheken seit 2007 um gut zwölf Prozent gesunken. Im Kasseler Musikpark A7 wird noch ausgelassen getanzt. 

Früher zogen Discos die Massen an, heute kämpfen viele ums Überleben. Was ist da los? Wir haben bei Betreibern in der Region nachgefragt und mit einem Stammgast im Kasseler A7 gefeiert.

„Däpp Däpp Däpp Johnny Däpp Däpp Johnny Johnny“, dröhnt es aus Boxen im Kasseler Musikpark A7 und unzähligen Mündern, die Menschen werfen ihre Arme über die Köpfe, dorthin, wo die bunten Scheinwerferlichter auf- und abwandern. Ganz hinten in der Ecke, neben dem DJ-Pult, steht Jörg, der seinen Nachnamen nicht verraten möchte. Er steht fast immer hier: freitags und samstags, seit 14 Jahren. Mittlerweile ist er 49 Jahre alt. Zu Hause bleibt der Baunataler nur, wenn das Wetter zu schlecht ist oder er am nächsten Tag arbeiten muss. Heute trifft zum Glück nichts von beidem zu, heute ist eine ganz normale Samstagnacht. Die Teenies grölen, der Bass vibriert, Jörg tanzt.

Jörg K. trinkt Wasser mit Koffein: Er ist vor allem zum Tanzen im Musikpark A7.

„Beim Tanzen kann ich Stress und Frust abbauen. Man fühlt sich danach besser“, erklärt er später. Gleichzeitig spürt er aber auch, dass sich in der Discoszene etwas verändert. Es ist nicht mehr so voll. Früher hätten die Leute nicht so steif getanzt. Es wären nicht so viele Studenten gewesen. Sie hätten mehr Geld in ihr Nachtleben investiert. Heute beschäftigen sie sich lieber mit Handys oder dem Internet, sie gehen seltener feiern, glaubt Jörg.

Ein Blick auf die Discoszene der Region scheint ihm recht zu geben: In den vergangenen Jahren mussten beispielsweise das Seven in Frankenberg, das Hazienda in Treysa und - nach nur drei Monaten - das Alpenrausch in Winterberg schließen. In ganz Hessen gab es laut statistischem Bundesamt 2012 noch 80 Diskotheken, 2014 nur noch 54. „Vor allem Großraumdiscotheken sterben immer mehr aus“, sagt Mandy Ernst, Betreiberin des Clubs Rom und Geschäftsführerin des Alten Kraftwerks in Borken. Eine Auswahl an unterschiedlichen Räumen mit unterschiedlichen Musikrichtungen anzubieten, funktioniere heute nicht mehr: Es ziehe die Leute eher in kleinere Clubs mit spezielleren Events, sie wollen genau wissen, was sie erwartet.

Im Club Rom wird weitergefeiert.

Jörg weiß, was ihn erwartet, auch in der Großraumdisco A7. Er weiß, welche Musik in welchen Räumen läuft, er kennt viele Gesichter, viele Liedtexte. Heute trägt er Jeans, ein lockeres T-Shirt und in der Hand eine Flasche Wasser mit Koffein. Alkohol trinkt er höchstens drei Mal im Jahr. „Ich muss ja noch Auto fahren.“ Jörg kommt nicht zum Trinken her, sondern zum Tanzen – und zum Reden. Viele seiner Freunde gehen zwar nicht mehr regelmäßig ins A7 – „Sie denken, sie wären zu alt, dabei geht es ja nicht ums Alter, sondern um den Charakter“, wie Jörg findet. Aber wenn sie da sind, wissen sie, wo sie ihn finden. Dann wissen sie, dass er ihnen zuhören wird.

„Viele kommen mit Problemen zu mir, und ich versuche, ihnen zu helfen“, erzählt er. Das ist einer der Gründe, warum er so oft hier ist. Er weiß aber auch: „Ich kann nicht ihr Leben führen.“ Jörg führt sein eigenes Leben: Er ist Single, arbeitet tagsüber als Platzwart in Baunatal und tanzt nachts im A7, Wochenende für Wochenende, Jahr für Jahr. Dabei musste er allerdings auch Einschnitte erleben: Einzelne Räume seien verkleinert worden, sagt er, die feste Aufteilung in HipHop in dem einem und Elektro in dem anderen Raum sei aufgehoben. „Schade.“ Er zuckt mit den Schultern. Die Betreiber des Musikparks äußerten sich nicht zur Situation des A7 oder zum Discosterben.

Anders als Benjamin Battefeld, stellvertretender Geschäftsführer der Discothek Utopia in Geismar (Frankenberg). Über Zuspruch könne er sich zwar nicht beschweren, in Frankenberg sei es immer noch gut möglich, eine Disco zu führen. Trotzdem sagt er: „Man sieht seit etlichen Jahren, dass die Discoszene mehr und mehr ausstirbt.“ Seiner Erfahrung nach kaufen sich junge Leute heute mehr PCs und Handys und geben dafür immer weniger Geld für die Disco aus. „Ich habe im Jahr 2000 angefangen, tanzen zu gehen. Damals wäre uns niemals in den Sinn gekommen, vorher zu trinken.“ Heute werde grundsätzlich vorgeglüht, um Geld zu sparen.

Deutschlandweit betrieben im Jahr 2007 noch 1389 Unternehmen Discotheken und Tanzlokale. Bis 2014 ist diese Anzahl um fast 22 Prozent gesunken. Auffällig ist zwar, dass die Anzahl an örtlichen Einheiten weniger schnell sinkt – und somit weniger Unternehmen mehr Discos betreiben. Allerdings hat auch die Anzahl dieser Einheiten um gut zwölf Prozent abgenommen. Aktuellere Zahlen liegen dem statistischen Bundesamt erst Mitte des Jahres vor, dennoch rufen auch im Anbetracht dieser Zahlen einige Medien das große Discosterben aus. 

Alles gar nicht so schlimm, sagt hingegen der Bundesverband deutscher Discotheken und Tanzbetriebe. Es gingen etwa eine Millionen Gäste jedes Wochenende in Deutschland tanzen. „Ein großer Bedarf an Discotheken ist noch immer vorhanden“, sagt Geschäftsführer Stephan Büttner. Von einem Discosterben könne nicht die Rede sein, eher von einer gesunden Marktbereinigung – oftmals sei ein lokales Überangebot an Clubs Grund für die Schließung der Discotheken. Er sagt aber auch, durch den demografischen Wandel, deutlich höhere Personalkosten sowie gestiegene Gema- und Stromkosten sei das Betreiben einer Discothek sehr anspruchsvoll geworden.

Mandy Ernst hat die einstige Großraumdiscothek Rom darum in einen gemütlichen Club umgebaut. Heute sei eine familiäre Stimmung besonders wichtig. „Die Leute wollen sich wohlfühlen, ihren Barkeeper persönlich kennen.“ Jörg kennt auch in der Großraumdiscothek A7 alle Barkeeper persönlich. „Und die wissen genau, wer ich bin.“ Er bewundert das Team. Es fasziniert ihn, wie super alle zusammenarbeiten. „Im A7 staune ich, wie positiv die Menschen sind“, sagt er. Auch, um sie zu sehen, komme er so gern her. Er will andere Sichtweisen auf das Leben kennenlernen. Wenn er sein Auto zum Beispiel wegen Schneeglätte stehen lassen muss, liest er daheim „Die Kraft des positiven Denkens“ von Dr. Joseph Murphy. Jörg will positiv denken, er will mit völlig unterschiedlichen Menschen in Kontakt kommen. Und er will tanzen.

Auf der Tanzfläche wird weiter gegrölt, hier drängen sich um 3 Uhr nachts Menschen dicht an dicht. Unter den Discokugeln ist vom Discosterben nichts zu spüren. „Warum jetzt? Warum heute? Hier sind einfach geile Leute“, dröhnt es aus den Boxen. Nur, wer zwischen den Tanzräumen wechselt oder sich abseits in eine Ecke stellt, sieht die Stühle, die Sessel, auf denen niemand sitzt. Die freie Fläche dazwischen, die noch Platz für einige Discofans mehr bieten könnte. Vielleicht kommen sie nächste Woche. Jörg zumindest wird sich wieder in sein Auto setzen und zum A7 fahren. Er wird sich wieder ein Wasser mit Koffein kaufen – und er wird weitertanzen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.