Diskussion um Beschneidung: Kasseler Kinderarzt übt Kritik

Umstritten: Der Kasseler Kinderarzt Alfons Fleer hält das Verbot der rituellen Beschneidung an Minderjährigen in Deutschland für eine Katastrophe für das Zusammenleben, obwohl er das Ritual selbst zum Schutz der Kinder ablehnt. Foto: Konrad

Kassel. „Eine Beschneidung ist eindeutig eine Körperverletzung, sie tut sehr weh, und sie hat keinen medizinischen Nutzen.“ Das sagt der Kasseler Kinderarzt Alfons Fleer. Gleichzeitig wendet er sich gegen das vom Landgericht Köln gefällte Urteil, das die rituelle Beschneidung von Minderjährigen verbietet.

Und er wendet sich gegen die Mehrheit seiner Berufskollegen. „Das Urteil ist eine Katastrophe für das Zusammenleben von Juden und Muslimen mit der christlichen und nichtgläubigen Mehrheit in Deutschland“, sagt der 59-Jährige. Fleer ist Mitglied im Vorstand des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Der Verband hat sich klar positioniert: „Allein das Recht auf körperliche Unversehrtheit zählt“, heißt es in einer Stellungnahme des BVKJ. Wer sich ausschließlich auf das Recht auf körperliche Unversehrtheit beziehe, verkenne, dass zu den Menschenrechten auch das Recht auf Religionsfreiheit und die religiöse Erziehung der Kinder gehöre, entgegnet Fleer. Dies schließe die Ausübung der religiös motivierten Riten wie die Beschneidung der Jungen ein.

Zudem kriminalisiere das Landgericht Köln mit dem Urteil die Ärzte, die in Deutschland verantwortungsvoll rituelle Beschneidungen ausführten. Absehbar werde das Urteil zu einem schädlichen Beschneidungstourismus führen. Kritik übt er auch an der Mehrheit seiner Kollegen: „Es ist nicht Sache der Ärzte, die gesellschaftliche Diskussion über die Zulässigkeit der männlichen Beschneidung auf einen rein medizinischen und dadurch vordergründig rationalen Aspekt zu verengen.“

Aufgabe der Ärzte sei es, auf die medizinischen Risiken der Beschneidung hinzuweisen. An die Mitglieder der eigenen Zunft appelliert er, das Wohl des Kindes hochzuhalten, aber Juden und Muslime nicht mit Strafe zu bedrohen. „Ich plädiere für ein Minimum an Toleranz.“ Er wisse von Juden, die von einer Beschneidung ihrer Söhne abgesehen hätten. „Ich vertraue darauf, dass die jüdische Gemeinde selbst erkennt, dass vor allem die Beschneidung ohne Narkose eine schmerzhafte und archaische Prozedur ist“, sagt Fleer. Aber einer mehr als 3000 Jahre alten Religion faktisch ein Verbot der Beschneidung aufzuerlegen, sei eine Anmaßung. Stattdessen hofft er, dass die Politik zumindest „eine Art von Straffreiheit“ schaffe. Fleer betont, dass er keine Beschneidungen vornehme.

Auf Verständigung setzt auch die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, der Dachverband der kinder- und jugendmedizinischen Gesellschaften. In einer Stellungnahme heißt es: „Als Anwälte der Kinder plädieren wir (...) dafür, im Sinne des Kindeswohls und des Gesundheitsschutzes von Neugeborenen und Kindern nach einer Verständigung zu suchen“. (mkx)

Von Mirko Konrad

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