SS war vor 70 Jahren verantwortlich

Verbrechen im KZ-Außenlager Kassel: Nicht alle Täter verurteilt

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Oberster Nazi der Region: Josias Erbprinz zu Waldeck und Pyrmont. Er saß nur fünf Jahre in Haft.

Kassel. Am Mittwoch vor 70 Jahren kamen die ersten KZ-Häftlinge aus dem Stammlager Buchenwald ins seinerzeit neu eingerichtete Kasseler Außenkommando. Doch nur wenige der SS-Offiziere, unter deren Kommando das Lager mit 150 Haftplätzen stand, wurden nach dem Krieg für ihre Taten verurteilt.

Der höchste Nazi-Führer der Region, Josias Erbprinz zu Waldeck und Pyrmont, wurde zwar von einem US-Militärgericht im Buchenwald-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach einer Begnadigung wegen Krankheit war er aber ab 1950 wieder auf freiem Fuß – nach nur fünf Jahren Haft.

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Der Adelige aus Waldeck war mit dem Reichsführer-SS Heinrich Himmler befreundet. Früh war er in die Massenvernichtung der Juden eingeweiht. Als Höherer SS- und Polizeiführer im Wehrkreis IX (Hessen/ West-Thüringen) war er neben dem KZ Buchenwald auch für das Kasseler Außenlager zuständig. Mehrfach war er im Außenkommando zugegen, das auf seine Anweisung hin entstanden war, um SS-Bauprojekte zu realisieren.

Leiter des SS-Baukommandos in Kassel: Karl Weyrauch wurde 1947 zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Im Prozess gegen ihn bekannte sich Waldeck weiter zum Nationalsozialismus. Er gestand weder Schuld für die Millionen Opfer der Nazis ein, noch ließ er Mitgefühl durchblicken. Alle Ermittlungsverfahren gegen ihn – wegen Mordes, Totschlags und Beihilfe zum Mord – wurden bis 1963 eingestellt. Von da an bis zu seinem Tod 1967 konnte er sein gut situiertes Leben auf Schloss Schaumburg (Rhein-Lahn-Kreis) weiterführen.

Gegen das SS-Personal, das in Kassel stationiert war, seien keine Prozesse geführt worden, sagt Dietfried Krause-Vilmar. Der emeritierte Professor der Uni Kassel hatte lange zu dem Außenkommando geforscht. Verfahren gegen den kommandierenden SS-Oberscharführer Heinrich Best sowie seine Stellvertreter Franz Hronizek und Gerhard Heinrich habe es nach seinen Erkenntnissen nicht gegeben. Dabei ist bekannt, dass es auch in Kassel zu Misshandlungen von Häftlingen durch SS-Offiziere gekommen war. Für Einzelfälle ist dies durch Berichte des KZ-Häftlings Alfred F. Groeneveld belegt, der in Kassel als holländischer Widerstandskämpfer inhaftiert war.

In Kassel entstanden: Ein Foto des Erbprinzen zu Waldeck.

Nach HNA-Recherchen im Digital-Archiv der Gedenkstätte Buchenwald saß zumindest einer der in Kassel eingesetzten SS-Männer auf der Anklagebank. Karl Weyrauch hatte das Kommando für die Bauleitung. Der im Kreis Schmalkalden geborene SS-Hauptscharführer wurde 1947 zu zehn Jahren Haft verurteilt – was ihm alles zur Last gelegt wurde, war nicht herauszufinden.

Weyrauch war es auch gewesen, der den niederländischen Häftling von Buchenwald nach Kassel verlegt hatte, wo er ihn als seinen Schreiber einsetzte. In seinem Erfahrungsbericht beschrieb der inzwischen verstorbene Groeneveld, wie ihm diese Verlegung nach Kassel möglicherweise das Leben gerettet hatte.

Von Bastian Ludwig

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