Täter hatten die Rufnummer manipuliert

Verbrecherjagd als Masche: So werden Senioren Opfer von Betrügern

Tatort Telefon: Kurt V. (Nachname geändert) aus Kassel möchte nach dem Betrugsversuch, der ihm passierte, andere Menschen vor der perfiden Masche der Täter warnen. Foto: Rudolph

Kassel. Das erste Mal stockte Hannelore V.* der Atem, als sie am vorigen Mittwoch um die Mittagzeit ans Telefon ging: Am Apparat meldete sich ein Peter Schmidt von der Kasseler Polizei.

Der Anrufer berichtete der 84-Jährigen, dass man soeben zwei Einbrecher einer rumänischen Bande festgenommen habe. Bei ihnen sei ein Zettel gefunden worden, auf der 30 Namen und Adressen aus Kassel samt Bankverbindungen und Vermögensangaben standen – darunter auch Hannelore und Kurt V., die am Mulang wohnen.

Auf die Nachfragen des vermeintlichen Ermittlers, ob man Geld und Schmuck im Hause habe, reagierte die Kasselerin richtig und verweigerte eine Auskunft. Dennoch sei ihr der Anruf glaubwürdig erschienen: „Die wussten sogar unsere Banken“, sagt sie. Erst später – als der Betrugsversuch schon aufgeflogen war – fiel ihr wieder ein, dass der Anrufer zwar treffenderweise zwei große in der Region tätige Geldinstitute genannt hatte, sie dann aber selbst die dritte, eher unbekannte Bank erwähnte.

Rufnummer manipuliert

Die Seniorin bat den angeblichen Beamten, sich später, wenn ihr Mann da sei, noch mal zu melden – was dieser auch tat. Auf dem Telefondisplay sei dabei die Kasseler Nummer 910-1111 erschienen, berichtet Kurt V. Da er wusste, dass die 910 die zentrale Festnetznummer der Polizei in Kassel ist, war er zunächst im Glauben, dass alles seine Richtigkeit habe. In Wirklichkeit hatten die Täter ihre Rufnummer mit einer speziellen Software manipuliert, damit ihre Opfer keinen Argwohn schöpfen.

Der Anrufer tischte dem 86-Jährigen nun die Räuberpistole auf, ein Mitarbeiter des Kasseler Geldinstituts habe als Maulwurf fungiert und die Bankdaten an die Einbrecher weitergeben. Um die Ermittlungen nicht zu gefährden, sei dringende Geheimhaltung geboten. Für den nächsten Tag wurde ein Telefonat mit dem Vorgesetzten vereinbart. In der Nacht gingen Kurt V. einige Ungereimtheiten durch den Kopf. Am Morgen rief er die echte Polizei an – und erfuhr, dass es sich um eine einschlägige Betrugsmasche handelte. Als die Täter wenig später wieder bei ihren Opfern am Mulang anriefen, hörten zwei echte Beamten das Gespräch mit.

Nun wurde Kurt V. von dem falschen Ermittler aufgefordert, 4500 Euro auf ein Konto in der Türkei zu überweisen – als angebliche Falle, in die die Täter tappen sollten. „So blöd wären wir allerdings bestimmt nicht gewesen“, sagt der 86-Jährige. Dreist sei die Reaktion der Täter gewesen, als die echte Polizei sich, als klar wurde, dass ein Zugriff auf die Täter nicht möglich sein würde, ins Gespräch einklinkte und den Betrug auffliegen ließ: „Da sagt der doch tatsächlich: Sie sind Verbrecher, wir schicken jetzt einen Streifenwagen und nehmen sie fest.“

Der Schreck darüber, im Visier von Kriminellen gewesen zu sein, sitzt Hannelore V. immer noch in den Knochen. „Auch wenn die Täter angeblich im Ausland sitzen, habe ich jetzt Angst zuhause.“ Ihr Mann Kurt will nun seinen Vornamen und die Adresse aus dem Telefonbucheintrag entfernen lassen. Bei ihrer Suche nach Opfern durchforsten die Täter häufig die Telefonbücher und rufen dann gezielt Menschen mit typischen altmodischen Vornamen an.

* Namen von der Redaktion geändert

Das sind die häufigsten Maschen der Täter

Aufklärung ist der beste Schutz vor betrügerischen Telefonanrufen. Die Polizei appelliert deshalb auch an Angehörige von älteren Menschen, diese auf die Gefahren hinzuweisen. Das sind die häufigsten Maschen der Täter:

Enkeltrick: Ein Anrufer gibt sich als Verwandter oder Freund aus. Mit Formulierungen wie „Rate mal, wer dran ist“ oder „Ich bin’s“ bringt er oder sie das Opfer dazu, selbst einen Namen zu nennen, dessen sich der Anrufer dann bedient. Dann werden die Opfer um größere Geldbeträge z. B. für einen Hauskauf oder wegen einer Notlage gebeten. Ein Bote wird geschickt, um das Geld abzuholen.

Schockanrufe: Funktioniert wie der Enkeltrick, dabei wird eine Notsituation (Unfall, Strafverfahren) vorgegaukelt, in der dringend Geld benötigt werde. Von dieser Masche sind oft russischsprachige Menschen betroffen, der Anruf erfolgt in der Muttersprache.

Falsche Polizisten: Angebliche Ermittler berichten von der Festnahme eines Einbrechers, in dessen Visier die angerufene Person sein soll und versuchen so an Informationen zu Bankdaten oder Wertsachen zu gelangen. Oder sie gaukeln einen drohenden Haftbefehl gegen die Person vor, der nur gegen eine Zahlung eingestellt werde.

Tipps der Polizei: Im Zweifel einfach auflegen und sofort die 110 anrufen. Niemals am Telefon Angaben zu Wertsachen oder Vermögen machen. Niemals fremden Personen Geld übergeben.

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