Chirurgie und Orthopädie am häufigsten betroffen

Vermutete Behandlungsfehler: Mehr Klagen gegen Ärzte

Kassel. Immer mehr Menschen stellen offensichtlich Anträge auf die Feststellung von ärztlichen Behandlungsfehlern oder klagen deswegen gegen Ärzte. Die Landesärztekammer Hessen spricht von einem moderaten, aber kontinuierlichen Anstieg der „Behandlungsfehlervermutungen“ in den vergangenen Jahren.

An vielen Gerichten wie am Landgericht Kassel sind inzwischen eigene Fachkammern für Arzthaftungsrecht eingerichtet worden. Am Landgericht Kassel stieg die Zahl der Arzthaftungsklagen von 102 im Jahr 2010 auf 113 im vergangenen Jahr. Den Großteil davon machen laut Gerichtssprecher Dr. Jan Blumentritt Klagen von Patienten gegen Ärzte aufgrund von Behandlungsfehlern aus. Viele dieser Verfahren enden laut Blumentritt mit Vergleichen. Unter zehn Prozent der Klagen entfallen auf Honorarklagen von Ärzten gegen Patienten. Eine differenzierte Statistik führt das Landgericht nicht.

Nach einer Erhebung der Gutachter- und Schlichtungskommissionen der Bundesärztekammer betrafen im Jahr 2012 die Anträge auf Feststellung von Behandlungsfehlern sowohl in Krankenhäusern als auch in Praxen am häufigsten die Fachgebiete Chirurgie, Unfallchirurgie und Orthopädie und die Diagnosen Hüft- und Kniearthrose. Etwa zwei Drittel der Anträge betrafen Ärzte in Krankenhäusern. Gut ein Viertel aller vermuteten Arzthaftungsfälle wird durch die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den Ärztekammern bewertet.

Bei der Gutachter- und Schlichtungsstelle der Landesärztekammer (LÄK) Hessen gingen 2009 891 Anträge wegen Behandlungsfehlervermutungen ein, davon wurden 565 begutachtet und 113 Behandlungsfehler festgestellt. 2012 waren es 983 Anträge, 555 Begutachtungen und 127 Behandlungsfehlernachweise, im vergangenen Jahr 902 Anträge, 498 Begutachtungen und 126 nachgewiesene Behandlungsfehler.

Fehlerquote konstant

Dass nicht alle Anträge begutachtet werden, liegt laut LÄK daran, dass beispielsweise ein Teil der Antragsteller häufig das Interesse an der Weiterführung des Verfahrens verliert. Obwohl eine steigende Tendenz bei den Anträgen zu beobachten ist, pendelt sich die Quote der festgestellten Behandlungsfehler relativ konstant bei etwa einem Viertel der Entscheidungen ein. Die bundesweite Quote liegt ebenfalls bei etwa 25 Prozent.

Die Gemeinschaft der Medizinischen Dienste der Krankenkassen (MDK) hat sich 2012 mit 12 483 Behandlungsvorwürfen (2011 waren es 12 686) bundesweit befasst. Davon entfielen 1756 auf die Bereiche Zahnmedizin und Pflege. Die LÄK befasst sich mit diesen Bereichen nicht. 3932 Vorwürfe wurden vom MDK bestätigt (2011 waren es (4068). Die Fehlerbestätigungsquote liegt bei 32,1 Prozent. Die meisten Behandlungsfehler wurden durch den MDK in der Zahnmedizin und Pflege bestätigt, vor Chirurgie, Unfallchirurgie und Orthopädie.

Hintergrund: Gutachter prüfen Verdacht auf Behandlungsfehler

Kleinere Arzthaftungsangelegenheiten bis zu einem Streitwert von 5000 Euro werden an Amtsgerichten verhandelt. Am Amtsgericht Kassel variieren die Klagen laut Statistischem Landesamt von neun im Jahr 2008 über 16 im Jahr 2010 bis hin zu sieben bis zum dritten Quartal 2013. Streitwerte über 5000 Euro werden am Landgericht verhandelt. Anträge auf die Feststellung von Behandlungsfehlern können bei der Gutachter- und Schlichtungsstelle der Landesärztekammer Hessen eingereicht werden. Die Anträge werden dann durch Gutachter geprüft.

Wird ein Behandlungsfehler festgestellt, kann das Gutachten zu einer vorgerichtlichen Einigung beitragen. Wenn nicht, bleibt für die Patienten oft nur der Gang vor Gericht. Auch der Medizinische Dienst der Krankenversicherung bietet eine Begutachtung bei Verdacht auf ärztliche Behandlungsfehler an.

Von Mirko Konrad

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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