Einzelhandel nutzt verdeckte Videoüberwachung

Bei Verdacht wird gefilmt: Einzelhandel nutzt verdeckte Videoüberwachung

„Nachfrage steigt“: Oliver Utsch von L + S in Kassel zeigt verschiedene Kameramodelle, darunter eines in Form eines Rauchmelders. Foto: Herzog

Kassel. Die Pläne der Bundesregierung zu einer Lockerung der Videoüberwachung in Betrieben stoßen in Kassel überwiegend auf ablehnende Reaktionen. Einzelhandel, Datenschützer und Gewerkschaft sehen den Vorstoß kritisch, die offene Videoüberwachung von Mitarbeitern einzuführen.

Auch in der Region Kassel werden Mitarbeiter immer wieder am Arbeitsplatz gefilmt. Betroffen ist laut der Gewerkschaft Ver.di vor allem der Einzelhandel.

Neben den Kameras, die im Verkaufsbereich Ladendiebe überführen sollen, gebe es hier „verdeckte Überwachungen im Verdachtsfall“, sagt Martin Schüller, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbands Nordhessen.

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Das bedeutet, dass Mitarbeiter ohne ihr Wissen überwacht werden. Es muss jedoch einen konkreten Verdacht geben, dass sie eine strafbare Handlung begehen. Die Überwachung muss zeitlich begrenzt sein und der Betriebsrat zustimmen. Zahlen, wie oft dies in nordhessischen Unternehmen geschieht, gibt es nicht.

Diese verdeckte Überwachung sei immer eine Abwägungssache, sagt Mechthild Middeke, zuständige Gewerkschaftssekretärin bei Ver.di. „Die Betriebsräte schauen darauf, dass Interessen der Beschäftigten und die Privatsphäre gewahrt bleiben.“ Sehr selten komme es dagegen vor, dass ein Arbeitgeber ohne Wissen des Betriebsrates eine Videoüberwachung einrichte. Sorgen bereiten Gewerkschaftern eher Fälle, in denen es keinen Betriebsrat gibt.

Die Überwachung im Verdachtsfall will die Bundesregierung nun abschaffen. Dafür soll die offene Videoüberwachung erleichtert werden. Das heißt: Es wird ständig gefilmt, die Mitarbeiter wissen, wo die Kameras stehen.

„Wir halten davon nichts“, sagt Martin Schüller: „Der Einzelhandel wäre dann gezwungen, eine flächendeckende öffentliche Videoüberwachung einzurichten.“ Für viele Betriebe sei die technische Ausstattung kaum bezahlbar, man brauche Personal, um die enormen Mengen Videomaterial zu sichten.

Schüller betont, dass zudem eine Überwachung von Mitarbeiterumkleiden beispielsweise bereits verboten sei. Verzichten könnten die Einzelhändler auf die Videoüberwachung nicht: „Es sind enorme Schäden, die durch Mitarbeiterdiebstahl entstehen.“

Lob für die Pläne der Regierung gibt es dagegen aus der Sicherheitsbranche: „Aus geschäftlicher Sicht begrüßen wir das, eine klare Rechtslage macht die Sache einfacher“, sagt Oliver Utsch, Betriebsleiter bei L+S Landwehr + Schultz. Das Kasseler Unternehmen bietet auch Überwachungstechnik an. Der Bedarf danach steige. L + S berate auch Kunden, sagt Utsch. „Es ist wichtig, dass die Bescheid wissen, was erlaubt ist und was nicht.“ Das Wichtigste sei, den Betriebsrat gleich mit ins Boot zu holen. Es gebe aber auch schwarze Schafe in der Sicherheitsbranche, die einfach Kameras installierten.

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