Gewerkschaft: Konzern nimmt Verstöße bei Fernfahrer-Lenkzeiten billigend in Kauf

Fernfahrer-Lenkzeiten: Ver.di knöpft sich VW vor

Kassel/Baunatal. Die Gewerkschaft Ver.di macht die Logistiksparte von Volkswagen in Baunatal dafür verantwortlich, dass Lkw-Fahrer von regionalen Speditionsfirmen in großem Stil gegen das Arbeitszeitgesetz verstoßen und häufig länger als zehn Stunden täglich hinterm Steuer sitzen müssen. Den Fahrern bleibe keine andere Wahl, kritisiert Ver.di-Sekretär Manuel Sauer.

Zwar seien formal die Speditionsunternehmer verantwortlich für die Einhaltung der Lenk- und Ruhezeiten. In der Praxis jedoch würden die für VW gefahrenen Touren direkt von Verantwortlichen der Originalteile-Logistik (OTLG) bei Volkswagen geplant. Etlichen Hinweisen von Fahrern zufolge würden dabei unrealistische Bedingungen zugrunde gelegt, die dazu führten, dass die betreffenden Fahrer „strukturell gegen Gesetze verstoßen müssen“, sagt Sauer. Sowohl das berechnete Durchschnittstempo als auch die kalkulierten Beladezeiten entsprächen nicht dem, was in gesetzlichem Rahmen zu schaffen sei.

Immer mehr Speditionsfahrer, die für VW auf Achse sind, berichten laut Ver.di, dass sie in Dauernachtschicht für 1200 Euro brutto mehr als zehn Stunden am Tag arbeiten müssten. „Das ist mittlerweile Standard bei uns und auch gar nicht mehr anders machbar“, berichtet einer von ihnen, der aus Angst vor einer Kündigung anonym bleiben möchte. Er schätzt, dass etwa 80 Prozent seiner Kollegen unter solchen Bedingungen arbeiten müssen.

Unterwegs sei er „mehr oder weniger gezwungen, mit Tempo 90 über die Landstraße zu brettern“, klagt der Fahrer: „Wie die die Touren berechnen, ist mir komplett rätselhaft.“ Pro Woche kämen oft an die 56 statt vertraglicher 40 Arbeitsstunden zusammen – ohne Vergütung der Extrazeit. Diverse Vorstöße bei seiner Firmenleitung hätten nichts gebracht: „Es heißt immer: Daran können wir nichts machen, das sind Vorgaben von VW.“

Wirtschaftlicher Druck

Durch die begehrten VW-Transportaufträge entstehe ein wirtschaftlicher Druck, „der eins zu eins an die Arbeitnehmer weitergegeben wird“, kritisiert die Gewerkschaft.

Ver.di vertritt laut Sauer inzwischen die Auffassung, dass weniger die Spediteure als vielmehr VW selbst der richtige Adressat für Kritik sei, um Verbesserungen für die Beschäftigten zu erreichen. Es sei die Originalteile-Logistik, die durch „genaueste Vorgaben“ der Touren und Arbeitsabläufe die Job-Situation der Fahrer bestimme. Die Gewerkschaft versuche, darüber mit den Verantwortlichen im OTC ins Gespräch zu kommen, habe aber bislang noch keine Reaktion auf ein Schreiben von Mitte April erhalten.

Lockerlassen will Sauer nicht. Er sagt: „Wir werden nicht akzeptieren, dass die Originalteile-Logistik offensichtlich Vorgaben jenseits der Arbeitsgesetze definiert, die zulasten der Beschäftigten unserer Branche gehen.“ Archivfoto:  nh

HINTERGRUND DAS SAGT

Von Axel Schwarz

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