Gewerkschaft vor Entscheidung

Erzieher und Sozialarbeiter: Soll Streik weitergehen?

Mit Teufelshörnern und Dreizack: Die Verdi-Kampfente taucht nach der Streikpause wieder aus der Versenkung auf. Nach der einmonatigen Mitgliederbefragung im Erziehungs- und Sozialdienst steht jetzt die Entscheidung der Gewerkschaft an, ob das Schlichtungsergebnis angenommen oder der Streik womöglich wieder aufgenommen wird. Foto: Hermann

Kassel. Die Frist ist Mittwochabend abgelaufen. Nach einmonatiger Mitgliederbefragung steht Verdi jetzt vor der Entscheidung, wie es im Tarifstreit der Erzieherinnen und Sozialarbeiter weitergehen soll.

Das Dilemma: Schon im Vorfeld hat die Basis – allen voran die Mitglieder im Bezirk Nordhessen – unmissverständlich deutlich gemacht, dass sie von dem Schlichtungsergebnis sehr enttäuscht ist (siehe Hintergrund unten). Anderseits stellt sich für die Verdi-Verantwortlichen die Frage: Ist den Eltern und Kindern ein erneuter Streik in kommunalen Kindergärten, Jugendhäusern und anderen Einrichtungen überhaupt noch vermittelbar?

Den Unmut der Mitglieder gewiss, muss die Gewerkschaft an diesem Wochenende zumindest die Weichen in Richtung Ende des Tarifstreits oder in Richtung Wiederaufnahme des Arbeitskampfes stellen. Am Samstag, 8. August, kommt in Fulda die bundesweite Streikdelegiertenkonferenz zusammen.

Noch keine Information

Obwohl das Ergebnis der am Mittwoch beendeten Mitgliederbefragung mit Spannung erwartet wird, will sich Verdi nicht vor Samstag dazu äußern, sagte Ute Fritzel, Sprecherin von Verdi Hessen. Damit wolle man der Kritik der Streikdelegierten Rechnung tragen, die sich beklagt hätten, dass sie in früheren Konferenzen nicht aus erster Hand über Ergebnisse informiert wurden, sondern bereits in den Medien davon lasen.

Weil die betroffenen Erzieherinnen und Sozialarbeiter auch in Kassel und Umgebung die Schlichtungsempfehlung heftig kritisiert hatten, wird bei der Mitgliederbefragung erwartet, dass sich eine deutliche Mehrheit mit dem Angebot der Arbeitgeberverbände nicht abfinden will. Für eine Aufwertung ihres Berufsbildes und eine Einkommensverbesserung um zehn Prozent waren sie auf die Straße gegangen, hatten Kitas bestreikt und zur Schließung gezwungen. Jetzt stehen zwei bis 4,5 Prozent mehr im Raum – und nicht mal für alle der bundesweit 240 000 Beschäftigten.

Nicht unbedeutend für die Entscheidung über Streik oder nicht Streik ist die Tatsache, dass die Mitgliederbefragung nur den Status einer Empfehlung hat. Das Ergebnis sei für den Verdi-Bundesvorstand bei seiner Entscheidung, wie mit der Schlichtungsempfehlung umgegangen werden soll, nicht bindend, betonte Ute Fritzel.

So oder so: Nach der Streikdelegiertenkonferenz wird Verdi eine Entscheidung treffen. Dann werden auch Eltern Gewissheit haben, ob sie ihre Kinder nach den Ferien noch in die Kitas schicken können oder sich wieder um eine Betreuung während des Streiks kümmern müssen. Die Verhandlungen mit den Arbeitgebern sollen am 13. August fortgesetzt werden.

Hintergrund: Enttäuscht von Schlichtungsempfehlung

Enttäuscht zeigte sich der Verdi-Bezirk Nordhessen von der Ende Juni vorgelegten Schlichtungsempfehlung. Eine Aufwertung der Arbeit und eine Einkommensverbesserung um im Schnitt zehn Prozent waren angestrebt worden. Die Schlichtungsempfehlung sieht eine Erhöhung von zwei bis 4,5 Prozent vor, die aber nicht einmal allen Erzieherinnen und Sozialarbeitern zugutekommen würde.

Profitieren sollen dabei vor allem Mitarbeiter in der Kinder- und Behindertenpflege sowie ältere und leitende Beschäftigte von den Verbesserungen. Unter anderem sind zwei neue Entgeltgruppen vorgesehen. Als „ganz bitter“ schätzte Verdi Nordhessen das Schlichtungsergebnis für die Mitarbeiter im Sozialdienst ein. Für sie sei lediglich eine Erhöhung der letzten Entgeltstufe angedacht.

Kita-Gebühr: Stadt und Eltern warten

Ende des Tarifstreits oder wieder Arbeitskampf womöglich mit Streiks? Klarheit in dieser Frage wünschen sich auch Eltern, deren Kinder eine kommunale Kindertagesstätte (Kita) besuchen. In der Stadt Kassel hat dies auch noch einen finanziellen Hintergrund. Wie berichtet, wollen die städtischen Gremien erst dann über eine mögliche Rückerstattung des während des vierwöchigen Kita-Streiks eingenommenen Betreuungs- und Essensgeldes beraten und entscheiden, wenn die Tarifauseinandersetzung zwischen Gewerkschaft und Arbeitgeberverband beendet ist.

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