Schwere Vorwürfe von Ver.di Nordhessen

Paketfahrer bei GLS: "Brutale Arbeitsbedingungen"

Zentrale: Der Hauptsitz von GLS Germany in Neuenstein im Landkreis Hersfeld-Rotenburg.

Kassel. Der Paketdienstleister GLS Germany schließt sittenwidrige Verträge mit seinen Subunternehmern. Dies behauptet Ver.di Nordhessen und legt der HNA Verträge vor: Bei GLS gehe es noch brutaler zu als anderswo in der Versandbranche. Die Haftung werde beispielsweise auf die Subunternehmer abgewälzt.

Lesen Sie auch:

- Viele Paketzusteller schuften für wenig Geld

- Manche Subunternehmen bezahlen Zusteller nur nach abgelieferten Paketen

Bei GLS, Hauptsitz Neuenstein im Landkreis Hersfeld-Rotenburg, wird die Zustellung ausschließlich über Subunternehmer abgewickelt. Nicht selten seien es Ein-Mann-Unternehmen, sagt Ver.di Nordhessen. Neben der schlechten Bezahlung und Arbeitszeiten von bis zu 60 Stunden die Woche würden sittenwidrige Haftungsregelungen getroffen.

In dem Arbeitsvertrag des GLS-Subunternehmers aus dem Landkreis Kassel, der unserer Redaktion vorliegt, spricht aus jeder Zeile der harte Wettbewerb in der Versandbranche.

Darauf müssen sich GLS-Fahrer einlassen

Hier einige besonders eklatante Vertragsklauseln, die von den Fahrern unterschrieben werden:

Lohnhöhe: „Der monatliche Bruttolohn beträgt 1200 Euro. Mit der Zahlung des Lohns sind sämtliche geleisteten Mehr- und Überstunden abgegolten. Zuschläge für Sonn- und Feiertagsarbeit sind bereits im monatlichen Grundlohn enthalten.“

Einarbeitung: „In der Anfangszeit, bis der Arbeitnehmer seine Tour ohne fremde Hilfe alleine schafft, werden pro Arbeitstag 30 Euro brutto pauschal bezahlt.

Haftungsreserve: Vom Fahrerlohn behält der Subunternehmer ein unverzinsliches Guthaben in Höhe von 500 Euro als Haftungsreserve ein. Jeweils 100 Euro werden dafür in den ersten fünf Arbeitsmonaten vom Fahrerlohn einbehalten. Ansprüche des Subunternehmers werden mit diesem Guthaben verrechnet.

Haftung bei Zustellungsproblemen:

• Bei einer verzögerten Zustellung von Nicht-Terminpaketen zahlt der Fahrer 25 Euro Strafe pro Paket.

• Für das Abstellen von Lieferungen ohne ordnungsgemäße Alternativzustellung (z.B. nicht korrekt ausgefüllte Benachrichtungskarte): 77 Euro pro Paket.

• Zustellung ohne Empfängerunterschrift: 77 Euro

• Zustellung ohne Eingabe des Empfängernamens in Klarschrift in den Scanner: 5 Euro

• keine oder unvollständige Imagebekleidung: 25 Euro

• Bei Zustellung nach 17 Uhr bei 24-Stunden-Garantie-Zustellungen: 150 Euro

• Keine Information durch den Fahrer bei Ablieferhindernissen einer 24-Stunden-Garantie-Zustellung: 100 Euro

• Unverschlossenes Fahrzeug bei Beladung: 100 Euro

• Stark verschmutztes Fahrzeug: 25 Euro pro Tag

• Rauchen in der Halle: 25 Euro

• Benutzung falscher Fehlercodes: 25 Euro Spesen: Reicht der Fahrer seinen Spesennachweis nicht bis zum 5. Werktag nach Beendigung des abgelaufenen Monats ein, ist sein Anspruch auf Spesen verwirkt. (bal)

Leidtragende sind die Fahrer

In einer „Haftungsanerkenntnis“, die der HNA vorliegt, verpflichtet sich der Subunternehmer generell, im Schadensfall dafür voll aufzukommen. Pauschal und ohne Klärung des Einzelfalls lasse sich GLS vom Subunternehmer unterzeichnen, dass er vorsätzlich oder grob fahrlässig gehandelt habe.

Mehr in der Zeitung

Ausführliche Hintergründe und Berichte von GLS-Fahrern lesen Sie in der Dienstagsausgabe der HNA.

Leidtragender der Vereinbarung sei also letztendlich der Fahrer, von dem sich der Subunternehmer das Geld zurückhole. Damit umgehe GLS die gesetzlichen Haftungsregelungen. Diese sehen vor, dass die Subunternehmer nur anteilig - nach Gewicht der Sendung - am Schaden beteiligt werden.

Auf HNA-Anfrage teilt GLS mit, dass eine schlechte Bezahlung der Fahrer in der Verantwortung der Subunternehmer liege. Zu der Haftungsregelung heißt es, es handele sich um „ausgewogene vertragliche Vereinbarungen, die Haftung und Beweisführung nach Gefahrenbereichen regeln.“ Keinesfalls werde gegen gesetzliche Regelungen verstoßen. (bal) 

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.