Verein „Mensch zuerst“

„Ich möchte es doch verstehen“: Leichte Sprache für alle gefordert

Gemeinsam: Anette Bourdon prüft die Texte von Übersetzer Henrik Nolte (sitzend), Zentrum für leichte Sprache, Landesverband Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung. Fotos: Hein

Kassel. Josef Ströbl erinnert sich noch gut daran, wie alles für ihn begann. Es war vor über 20 Jahren während einer Tagung, bei der es um das Thema „Klinikaufenthalt nicht einwilligungsfähiger Personen“ ging. Der heute 60-jährige Mann mit Lernschwierigkeiten saß im Publikum und verstand nur Bahnhof.

Dabei interessierte ihn das Thema brennend. Er habe gedacht: Man müsste ein Schild hochhalten können, um dem Redner zu signalisieren: Halt, stopp, bitte sprich in einer leicht verständlichen Sprache, damit ich folgen kann.

Gesagt, getan. Nicht nur das Schild wurde entwickelt. Es war auch die Geburtsstunde der Kasseler Initiative „Mensch zuerst“, die sich gemeinsam mit dem Zentrum für leichte Sprache - Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung in Marburg unter anderem zur Aufgabe gemacht hat, Menschen mit Lernschwierigkeiten zu beraten und zu unterstützen.

Inzwischen zählt der Kasseler Verein „Mensch zuerst – Netzwerk People First“ 250 Mitglieder in der gesamten Republik. Der englische Namenszusatz „People First“ verweist auf den Beginn der Bewegung vor 30 Jahren in den USA.

„So wie sie es brauchen, müssen sie es auch kriegen.“

„Leider müssen wir das Schild heute immer noch oft hochhalten“, sagt Ströbl. Die Erfolge und Leistungen des Vereins sind indes beachtlich. Eine große Zahl an Publikationen gibt es inzwischen, vom Ratgeber bis zum Kochbuch. Institutionen und Behörden haben die Dienste des Vereins in Anspruch genommen und Texte übersetzen lassen. Das Besondere: Die von Profis wie Henrik Nolte vom Verein Lebenshilfe in leichte Sprache übertragenen Texte werden von Betroffenen geprüft.

Leichte Sprache bedeutet: große Schrift, kurze Sätze, einfache Wörter und keine Fremdwörter. Manchmal helfen Bilder beim Verstehen.

Es sei in vielen Bereichen lebenswichtig, dass einem etwas verständlich vermittelt wird. Beispielsweise im medizinischen Bereich, sagt Ströbl. „Ich möchte es doch verstehen.“ Das machten sich nur wenige bewusst. Oder doch?

Ströbl und Nolte erzählen von Mitarbeitern einer Stadtverwaltung, die den Verein mit Übersetzungen beauftragt hatten und zugaben: „Wir schreiben ständig Bescheide, die wir selber nicht verstehen.“

Übrigens haben auch die Kasseler Stadtverordneten beschlossen, leichte Sprache im Rathaus zu fördern. Passiert sei aber nicht viel. Eigentlich gebe es seit der UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 einen Rechtsanspruch auf verständliche Sprache, sagt Ströbl. Statt auf dem Klageweg bemühe sich der Verein aber um gesellschaftliches Verständnis. Ströbl sagt „Übereinkommen“ statt Konvention. Auch eine einfache Erklärung dafür, was das komplexe Werk für behinderte Menschen bedeutet, hat er parat: „So wie sie es brauchen, müssen sie es auch kriegen.“

Kontakt: Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e.V., Samuel-Beckett-Anlage 6, Tel.: 72 88 53 20

www.menschzuerst.de

Der Vergleich:

So ist es kompliziert

Die Polizei erklärt, wie man sich beim Verlust der EC-Karte verhält

Die Bundespolizei hat einen Text zum Thema EC-Karten-Verlust übersetzen lassen. Der Originaltext in Auszügen:

Sperrung von EC-/Kreditkarten nach Verlust oder Diebstahl Bundespolizei beteiligt sich an „KUNO“ - Schutz vor Missbrauch von Debitkarten im elektronischen Lastschriftverfahren. Jedes Jahr werden allein im Zuständigkeitsbereich der Bundespolizei eine hohe Anzahl von Taschen- und Handgepäckdiebstählen angezeigt. In mehr als 50 Prozent der Fälle wird der Verlust von Debitkarten, also EC- oder Kreditkarten, beklagt.

Die meisten Geschädigten gehen davon aus, dass eine Sperrung der Karte nach einem Diebstahl oder sonstigem Verlust bei der jeweiligen Zahlungsgesellschaft einen vollständigen Schutz bietet. Damit wird jedoch nur der widerrechtlichen Nutzung der Debitkarte im PIN-Verfahren – Authentifizierung mittels Geheimzahl – Einhalt geboten.

Nach einfacher Sperrung der Karte ist eine Nutzung im so genannten Elektronischen Lastschriftverfahren durch Vorlage der Karte und Fälschens der Unterschrift jedoch nach wie vor möglich. Mit der Einführung von „KUNO“ (Kriminalitätsbekämpfung im unbaren Zahlungsverkehr durch Nutzung nicht polizeilicher Organisationsstrukturen) wurde diese Lücke nun minimiert. Im Projekt „KUNO“ ist die Polizei elektronisch über das Euro Handelsinstitut mit Einzelhändlern und Netzbetreibern verbunden und übermittelt mit Einverständnis der Anzeigenden bzw.

Geschädigten die Daten der EC-/Kreditkarte in die Sperrdateien der Kassensysteme. Seit Juni 2006 hat sich auch die Bundespolizei diesem Verfahren angeschlossen. Somit hat nun jeder Bürger die Möglichkeit, bei jeder Dienststelle der Bundespolizei bei einem Verlust der Debit-Karte eine Sperrung der Karte zu veranlassen. (...)

So ist es verständlich

Der Verein „Mensch zuerst“ übersetzt Schwieriges in leichte Sprache

Die Übersetzerin Ricarda Kluge vom Verein „Mensch zuerst“ hat den Text der Bundespolizei (in Auszügen) übersetzt:

Ihre EC-Karte oder Kredit-Karte wurde gestohlen? Dann lassen Sie die Karte schnell sperren! Jedes Jahr werden sehr viele Hand-Taschen oder anderes Gepäck gestohlen. Oft sind dann auch die EC-Karten oder Kredit-Karten weg. Dann müssen Sie die Karten schnell sperren lassen. Dann ist die Karte ungültig. Damit niemand einfach Geld mit Ihrer Karte holen kann.

Aber manchmal reicht das einfache Sperren der Karte nicht. Das hilft nur, wenn die Diebe Ihre Karte mit der Geheim-Zahl benutzen wollen. Die Diebe können trotzdem mit Ihrer Karte bezahlen. Dafür müssen die Diebe nur Ihre Unterschrift nachmachen. So kann man in vielen Geschäften auch bezahlen.

Deshalb gibt es jetzt das Projekt KUNO. In diesem Projekt arbeitet die Polizei mit den Geschäften und anderen Stellen zusammen. Die Polizei gibt die Daten von Ihrer EC-Karte oder Kredit-Karte an die Geschäfte und anderen Stellen weiter. Dann ist Ihre Karte überall an der Kasse gesperrt. Seit Juni 2006 ist die Polizei bei dem Projekt dabei. Wenn Ihre Karte gestohlen wurde: Dann können Sie zu jeder Polizei-Stelle gehen und Ihre Karte mit KUNO sperren lassen. Was müssen Sie machen, wenn Ihre EC-Karte gestohlen wurde? Oder wenn Sie Ihre EC-Karte verloren haben?

1. Gehen Sie zu Ihrer Bank. Lassen Sie die EC-Karte sperren. Oder Sie rufen bei dieser Nummer an: 018 05 – 021 021. Dort können Sie Ihre EC-Karte am Telefon sperren lassen. 2. Gehen Sie zur Polizei-Dienststelle. Dort können Sie den Diebstahl anzeigen. Und Ihre EC-Karte wird über KUNO gesperrt. Diese Infos brauchen Sie: Ihre Bank-Leit-Zahl (...)

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