Kritik an unzureichender Versorgung

Verein will für Geflüchtete in Kassel Psychosoziales Zentrum aufbauen

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Viele Flüchtlinge leiden unter den seelischen Folgen von Krieg, Verfolgung und Flucht: Ein neuer Verein will in Kassel ein Psychosoziales Zentrum für Flüchtlinge aufbauen. 

Kassel. Viele Flüchtlinge leiden seelisch unter den Erlebnissen in ihrer Heimat und auf der Flucht. Ein neuer Verein in Kassel will nun ein Psychosoziales Zentrum für Geflüchtete aufbauen.

Die junge Frau aus dem Sudan ist hochschwanger. In der Erstaufnahme für Flüchtlinge fällt sie kaum auf, so still verhält sie sich. Oft wirkt sie abwesend. Erst nach Monaten berichtet sie einer ehrenamtlichen Psychologin, wie sie in Libyen von Rebellen gefangen gehalten und vergewaltigt wurde, bevor sie sich mit Geld bei einem Schlepper freikaufen und die Flucht über das Mittelmeer antreten konnte. Erst bei einer Untersuchung in Deutschland erfuhr sie, dass sie schwanger ist. Es fällt ihr schwer, das ungeborene Kind anzunehmen. Sie leidet unter Schlafstörungen und fühlt sich innerlich wie betäubt.

So wie diese Frau sind viele Flüchtlinge durch das Erlebte im Heimatland und auf der Flucht traumatisiert oder schwer belastet. Seit über einem Jahr arbeiten Therapeuten aus der Region unentgeltlich in den Erstaufnahme-Einrichtungen in Stadt und Kreis Kassel, um die schlimmste psychische Not zu lindern. 40 Psychologen und Psychiater engagieren sich inzwischen im „Arbeitskreis Flüchtlinge“, der sich am Alexander-Mitscherlich-Institut gebildet hat.

Eckhardt Brockhaus

Aus dieser Initiative heraus hat sich nun ein Verein gegründet, der ein Psychosoziales Zentrum für Geflüchtete (PZG) in Kassel einrichten will. Ziel ist, eine verlässliche Versorgung für Asylbewerber aufzubauen, die therapeutische oder psychiatrische Hilfe benötigen. „Da klafft eine große Lücke, die dringend geschlossen werden muss“, sagt der Kasseler Psychotherapeut Eckhardt Brockhaus, Sprecher des Trägervereins.

Mindestens jeder dritte Flüchtling sei psychisch beeinträchtigt, schätzen Brockhaus und seine Kollegen. Asylbewerber dürfen aber nur in besonderen Notfällen, die von Sozialamt und Gesundheitsamt genehmigt werden müssen, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Nach 15 Monaten erhalten sie eine Gesundheitskarte und damit Zugang zu den meisten regulären Kassenleistungen. Dann stünden sie allerdings noch vor dem Problem, dass die Kosten für Dolmetscher nicht von der Kasse übernommen werden, erläutert Brockhaus.

Für die Erstaufnahmen des Landes Hessen in Niederzwehren und Calden haben die „ehrenamtlichen Professionellen“ des Arbeitskreises eine provisorische Versorgung aufgebaut. Doch es sei wichtig, dass nach der Verlegung in die kommunalen Unterkünfte die Behandlung nicht abbreche. Mit dem übergreifenden Zentrum will der Verein – eine gesicherte Finanzierung vorausgesetzt – eine kontinuierliche Anlaufstelle anbieten.

Hedwig Blume

Auch Hilfe und Beratung für Haupt- und Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe sieht das Konzept für das Psychosoziale Zentrum vor, erläutert Vorstandsmitglied Hedwig Blume. Zudem sollen Fortbildungen für Therapeuten angeboten werden, die noch keine Erfahrung in der Arbeit mit Flüchtlingen haben, und für Dolmetscher, damit sie die Fachsprache korrekt übersetzen können. Auch eine Begegnungsstätte für Einheimische und Flüchtlinge, etwa in Form eines Cafés, solle Teil des Zentrums sein und so einen niederschwelligen Zugang ermöglichen.

Finanzierung noch unklar

Wie das Psychosoziale Zentrum für Geflüchtete finanziert werden soll, ist noch unklar. Der Trägerverein bemüht sich, Geld für das Vorhaben einzuwerben und hofft dabei zunächst auf Mittel des Landes Hessen. Das Land hatte im Sommer noch angekündigt, dass die Einrichtung eines solchen Zentrums in Nordhessen geplant sei. Nun hieß es auf Nachfrage beim Sozialministerium, in einem ersten Schritt solle die psychosoziale Versorgung Geflüchteter in den Erstaufnahmen verbessert werden. Dafür bereite man eine Ausschreibung vor, auf die sich der Trägerverein in Kassel bewerben könne. Um wie vom Verein angedacht über die Erstaufnahmen hinaus ein Angebot aufzubauen, seien weitere Geldgeber nötig, betonen die Kasseler Initiatoren. Sie wollen dazu auch auf die Kommunen und Stiftungen zugehen.

Der Verein ist offen für weitere Mitglieder und freut sich über Förderer. Kontakt: eckhardt.brockhaus@posteo.de

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