Vereinigte Wohnstätten 1889

Schimmelwohnungen am Brasselsberg werden renoviert - Schimmel keine Seltenheit

Die mit Schimmel befallene Wohnung von Joachim Rhode (unten links) steht inzwischen leer. Laut vorläufigem Ergebnis eines von der 1889 beauftragten Gutachters liegen keine baulichen Mängel vor. Dass zuletzt doch Schimmel in Rhodes Wohnung wuchs, hat möglicherweise etwas mit einer unzureichen Schimmelbeseitigung nach einem früheren Mietverhältnis zu tun. Foto: Naumann

Brasselsberg. „Beide Seiten haben Fehler gemacht - wir und die Mieter“, sagen die Vereinigten Wohnstätten 1889 mit Blick auf die jüngsten Schimmelfälle in Parterrewohnungen am Eichholzweg. Die Genossenschaft will nun zwei betroffene Wohnungen im Haus 1b renovieren.

In anderen Fällen liege aktuell kein Nachweis für starken Schimmelbefall vor.

„Generell hätte die Kommunikation mit den Mietern besser laufen können“, sagt 1889-Vorstand Britta Marquard. Jedoch trügen auch die Mieter Verantwortung bei der Entstehung von Schimmel. Heiz- und Lüftungsfehler seien oft die Ursache. Inzwischen erstellte Gutachten zeigten: „Bauliche Mängel am Haus 1b gibt es nicht. Weder zieht Feuchtigkeit die Wände hinauf, noch gibt es Probleme mit der Wärmedämmung“.

Anfang Dezember hatte die HNA über Schimmelbefall in mindestens drei Erdgeschosswohnungen am Eichholzweg berichtet. Einer der Mieter, Joachim Rhode, hatte gedroht die Genossenschaft wegen arglistiger Täuschung, Betrugs und vorsätzlicher Körperverletzung anzuzeigen. Noch hat er das nicht getan, „ich war bislang mit dem Auszug beschäftigt“, sagt Rhode.

„Schon einmal Schimmel“ 

„Es stimmt, dass Rhodes Wohnung schon einmal mit Schimmel befallen war, und dass bei der Bekämpfung möglicherweise nicht alle Schimmelherde beseitigt wurden“, sagt Marquardt. „Wir hätten Rhode in jedem Fall darüber informieren müssen, dass es in dieser Wohnung tatsächlich schon einmal Schimmel gegeben hat“. In Zukunft würden Mieter immer informiert.

So wird richtig geheizt und gelüftet

Während der Heizperiode sollten die Raumtemperaturen stets bei etwa 20 Grad liegen. Täglich muss zwei bis viel Mal quergelüftet werden. Das heißt: fünf Minuten mindestens zwei Fenster auf, damit Durchzug entstehen kann. Vorteil: Die feuchte Raumluft wird komplett ausgetauscht, die Wände bleiben aber warm, so dass nach dem Lüften 20 Grad schnell wieder erreicht werden. Dagegen ist es nicht ratsam bei verlassen der Wohnung die Fenster auf Kipp zu stellen und die Heizung abzudrehen, da die Wohnung sonst zu sehr auskühlt und Schimmelbildung die Folge sein kann. Besser ist es, die Durchschnittstemperatur nur zu reduzieren - zum Beispiel von 20 auf 18 Grad. Programmierbare Thermostate können hilfreich sein.

Häuser jüngeren Datums sind oft sehr gut gedämmt. Je besser die Dämmung, um so häufiger muss gelüftet werden, um entstehende Luftfeuchtigkeit aus der Wohnung zu bekommen. Ein Luftfeuchtigkeitsmesser (20 bis 50 Euro) kann anzeigen, wann gelüftet werden sollte.

Nach Rhodes Intervention sei ihm eine Alternativwohnung angeboten worden, die er jedoch abgelehnt habe. Inzwischen habe er alle Verträge mit der 1889 gekündigt und lebe in einer Altbauwohnung an der Weserspitze.

Ausgezogen ist inzwischen auch der unmittelbare Nachbar Rhodes - eine fünfköpfige Familie. Im Gegensatz zu Rhodes Wohnung sind die Räume dort massiv mit Schimmel belastet. Bei der jetzt anstehenden Renovierung soll der komplette Putz erneuert werden. „In diesem Fall sind wir erst viel zu spät von den Mietern auf das Problem aufmerksam gemacht worden“, sagt Marquardt. Inzwischen sei die Familie in einer anderen 1889-Wohnung untergekommen.

In die betroffenen Wohnungen will die 1889 nun aktive Lüftungsanlagen einbauen, die für einen kontrollierten Luftaustausch sorgen. Marquardt: „Die Hauser am Eichholzweg sind gut gedämmt. Das erfordert richtiges Heizen und Lüften. Oft aber wollen die Mieter Kosten sparen, drehen die Heizung herunter und machen die Fenster nicht auf. Genau das führt aber zur Bildung von Schimmel“.

Bessere Mieter-Information 

Die 1889 will ihre Mieter künftig noch besser über die Vermeidung von Schimmelwuchs informieren. Auch sollen Mieter ab sofort eine Abnahme unterschreiben, ob es während der Mietzeit Fälle von Schimmelbildung gegeben hat oder nicht. Auch werden die Mieter dazu angehalten, Fälle von Schimmelbildung sofort zu melden. „Ein Leitfaden, wie geheizt und gelüftet werden muss, liegt schon seit Jahren unseren Mietverträgen bei“.

Mieterbund Kassel bearbeitet fast täglich Fälle – So entsteht Schimmel

Schimmel in Wohnungen ist keine Seltenheit. „In 15 bis 20 Prozent aller Wohnungen gibt es Fälle von Schimmelbefall“, sagt Esther Tiedtke, Geschäftsführerin des Mieterbundes Kassel.

Ursache für Schimmelbildung ist eine zu hohe Luftfeuchtigkeit in kalten und schlecht gelüfteten Wohnräumen. „Wenn die relative Luftfeuchte dauerhaft über 60 Prozent liegt, ist Schimmel sehr wahrscheinlich“, sagt Tiedtke.

Allein ein Vier-Personen-Haushalt produziere pro Tag zwölf Liter Wasserdampf – durch Schwitzen, Atmung, Kochen oder heißes Duschen. „Aber auch bauliche Mängel können für feuchtes Klima verantwortlich sein – ein defektes Wasserrohr, eine undichte Hausfassade oder Bodennässe, die durch die Wand nach oben kriecht.

„Wird diese Feuchtigkeit durch Lüften nicht aus den Räumen transportiert, kondensiert sie an Wänden und Möbeln und sorgt dort für Schimmelbildung“, sagt Tiedtke. Befördert werde diese Kondensation wiederum durch mangelhaftes Heizen, aber auch durch eine schlechte Wärmedämmung.

Hier geht es zur Internetseite des Mieterbunds.

Ist Schimmel erst einmal da und lässt er sich nicht mit herkömmlichen Mitteln beseitigen, muss der Vermieter nachweisen, dass kein Baumangel vorliegt. Ist bautechnisch alles in Ordnung, ist unzureichendes Lüften und Heizen zu vermuten. „Hier gibt es oft Streitfälle, vor allem dann, wenn auch der Mieter per Protokoll nachweisen kann, dass er korrekt gelüftet und geheizt hat“, sagt Tiedtke. Generell gelte: 50 Prozent aller Schimmelfälle gehen auf bauliche Mängel, 50 Prozent auf Fehlverhalten der Mieter zurück.

In Zeiten hoher Energiekosten werde immer häufiger versucht, die Raumtemperaturen niedrig zu halten und einen Energieverlust durch weniges Lüften zu vermeiden. „Dieses Verhalten ebnet den Weg für Schimmelbildung“, sagt Tiedtke. Oft werde von Mietern das Problem auch verschleppt, entweder aus Scham oder aus Gleichgültigkeit. „Leider kommt es auch sehr oft vor, dass von Vermietern ausgehändigte Infos zum richtigen Lüften und Heizen gar nicht erst gelesen werden

Von Boris Naumann

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