Landgericht-Urteil

Verfahren um Neonazi Bernd T. „Es war eine Beziehungstat“

Vorerst ist er ein freier Mann: Dar Haftbefehl gegen den verurteilten Bernd T. wurde am Mittwoch ausgesetzt.  Zeichnung: Reinckens

Kassel. „Dieses Verfahren hat ein relativ hohes Medieninteresse gehabt“, sagte der Vorsitzende Richter Jürgen Dreyer am Mittwoch.

Und zwar, nachdem er Bernd T. unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt hatte.

Das Interesse ist wohl auf das Vorleben des Angeklagten zurückzuführen: Der 40-jährige Neonazi Bernd T. ist Gründer und Vorsitzender des Vereins „Sturm 18“. Im Februar soll Bernd T., der seit 1990 bereits 23-mal verurteilt worden ist, vor dem Oberlandesgericht München im NSU-Prozess als Zeuge aussagen. In der Vergangenheit hat der Neonazi aus der Kasseler Nordstadt wiederholt behauptet, Kontakte zu den NSU-Terroristen gehabt zu haben.

In dem Verfahren vor der Zehnten Strafkammer sei es aber nicht darum gegangen, die politische Gesinnung des Angeklagten zu sanktionieren, sondern um eine „Beziehungstat“, führte Dreyer aus. Zumindest bei der Körperverletzung, die Bernd T, seiner damaligen Freundin zugefügt hat. Das Gericht wertete die Tritte in den Bauch der schwangeren Frau, die demnächst das gemeinsame Kind zur Welt bringen wird, als einfache Körperverletzung. Bernd T. war gewalttätig geworden, nachdem seine Freundin ihn mit einer 16-Jährigen (beide hatten nackte Oberkörper) in der gemeinsamen Wohnung erwischt und ihn daraufhin mit einem Schimpfwort beleidigt hatte.

Auch die zweite Tat sei in erster Linie als „Beziehungstat“ zu werten, so der Richter. Hier sei Bernd T. allerdings seine Stellung als Chef von „Sturm 18“ und der Struktur des Vereins zugute gekommen. Nachdem die 16-Jährige behauptet hatte, von dem 24 Jahre älteren Bernd T. vergewaltigt worden zu sein, habe dieser seine Freundin, mit der er sich kurzzeitig wieder versöhnt hatte, und eine andere Frau damit beauftragt, die Jugendliche massiv zu schlagen. Die andere Frau war damals noch „Sturm-18-Azubi“. Die Schläge seien quasi als Prüfung zu sehen, um als vollwertiges Mitglied bei dem Verein aufgenommen zu werden, so hatte es Oberstaatsanwältin Andrea Boesken in ihrem Plädoyer formuliert.

„Sie hätten das jederzeit stoppen können“, sagte Dreyer zu Bernd T. Zudem sei er auch dafür verantwortlich, dass die Jugendliche anschließend über einen langen Zeitraum massiv gedemütigt worden sei. Bernd T. hatte gesagt, dass jemand, der sich wie ein Hund benehme, auch wie ein Hund behandelt werden müsse. Daraufhin hatte seine Freundin der 16-Jährigen eine Leine um den Hals gelegt und auf allen vieren draußen ausgeführt.

Wer sich in den Augen von Bernd T. ungebührlich benehme, werde von ihm „gebührlich bestraft“, hatte Boesken ausgeführt. Sie hatte eine Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren und die Haftfortdauer wegen der Wiederholungsgefahr beantragt. Bernd T. habe in der Vergangenheit wiederholt gezeigt, dass er zu Gewalt neige.

Das sah das Gericht anders, indem es den Haftbefehl aufhob. Eine Wiederholungsgefahr könne wohl bei niemandem ausgeschlossen werden.

Hintergrund: In Heimen gelebt

Es dauerte am Mittwoch 40 Minuten, bis das Gericht das Vorstrafenregister von Bernd T. vorgelesen hatte. Seit 1990 ist er 23-mal verurteilt worden (plus die neue Strafe): wegen Körperverletzung mit Todesfolge, gefährlicher Körperverletzung, Volksverhetzung, Beleidigung, unerlaubten Waffenbesitzes.

Das Verhalten von Bernd T. hat vermutlich auch Ursachen in seiner Kindheit. Er war das zweite von sechs Kindern, der Vater trank und schlug die Mutter und die Kinder. Bernd T. und seine Geschwister lebten auch in Kinderdörfern und Obdachlosenheimen. Bernd T. selbst hat zwei Kinder aus früheren Beziehungen, sein drittes Kind kommt demnächst zur Welt. (use)

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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