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Rechtliche Klärung von Ehrendoktorstreit an Uni Kassel zieht sich: Hartmut von Hentig darf Titel weiter tragen

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Von: Katja Rudolph

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Hartmut von Hentig
Hartmut von Hentig ist seit 2004 Kasseler Ehrendoktor © Angelika Dahm-Ritzi

In der Auflistung der Ehrenpromotionen der Universität Kassel steht nach wie vor Hartmut von Hentig. Dabei hat die Hochschule bereits 2021 beschlossen, der Erziehungswissenschaftler die Auszeichung zu entziehen. Doch es schwelt ein Rechtsstreit.

Kassel – Eineinhalb Jahre ist es her, dass die Universität Kassel beschlossen hat, ihrem langjährigen Ehrendoktor Hartmut von Hentig den Titel zu entziehen. Doch bis es zu einer rechtlichen Entscheidung in der strittigen Angelegenheit kommt, wird es noch dauern.

Auf Nachfrage am Kasseler Verwaltungsgericht erfuhr die HNA, dass die zuständige Richterin im vergangenen November in den Ruhestand gegangen sei. „Derzeit ist es leider nicht absehbar, wann in der Sache entschieden werden kann“, teilte eine Gerichtssprecherin mit.

Wie berichtet, hatte der Erziehungswissenschaftler Hartmut von Hentig im vergangenen Frühjahr gegen die Aberkennung der Ehrendoktorwürde durch die Kasseler Hochschule geklagt. Zuvor hatte die Uni einen Widerspruch von Hentigs gegen den Entzug zurückgewiesen.

Der heute 97-Jährige erhielt die Auszeichnung 2004 vom damaligen Fachbereich Erziehungswissenschaften/Humanwissenschaften. Hintergrund des Entzugs der Ehrenpromotion sind die 2010 ans Licht gekommenen massenhaften Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule. Von Hentigs Auseinandersetzung damit in seinem 2016 erschienen autobiografischen Buch „Noch immer mein Leben“ stellen aus Sicht der Hochschule „ein erhebliches wissenschaftliches Fehlverhalten“ dar. Von Hentig war ein intimer Freund des damaligen Internatsleiters Gerold Becker, der als einer der Haupttäter des sexuellen Missbrauchs von Schülern gilt.

Solange der Rechtsstreit nicht entschieden ist, kann Hartmut von Hentig, der Professor in Göttingen und Bielefeld war, seinen Ehrendoktortitel noch führen. Auf Anfrage bei der Universität Kassel teilte eine Sprecherin mit, dass man „großes Interesse an einem möglichst zügigen Abschluss des Verfahrens“ habe.

Derzeit sieht es nicht so aus, als ob dies der Fall sein wird. Die Klagebegründung liege vor und beide Seiten hätten in der Sache inhaltlich Stellung genommen, sagt eine Sprecherin des Kasseler Verwaltungsgerichts. Nach der Pensionierung der Vorsitzenden Richterin der 7. Kammer sei derzeit aber unklar, wann es zu einer Verhandlung oder gerichtlichen Entscheidung komme. Auf Nachfrage der HNA, ob der Fall bis zu einer Nachbesetzung weiter bearbeitet wird, teilte das Gericht mit: „Wann/ob ein Vertreter in einem konkreten Verfahren eine Verhandlung ansetzt oder entscheidet, richtet sich danach, welche Kapazitäten bei dem Vertreter vorhanden sind und natürlich, wie eilbedürftig ein Verfahren ist.“ Eine gesetzliche Frist, binnen der eine Verhandlung oder Entscheidung stattfinden muss, gebe es für die Verwaltungsgerichtsbarkeit nicht.

Der Anwalt Christian-Dietrich Bracher (Kanzlei „Redeker Sellner Dahs“, Bonn) vertritt Hartmut von Hentig in der Angelegenheit. Er habe ohnehin noch nicht mit einem Verhandlungstermin gerechnet, sagt der Anwalt. „Hessen ist ziemlich langsam mit Verwaltungsgerichts-Verfahren.“ Generell sei es aber nicht ungewöhnlich, dass sich Verfahren bis zu zwei Jahre hinziehen.

Für seinen Mandanten sei der von der Universität Kassel verliehene Ehrendoktortitel an sich nicht wichtig, betonte Bracher. „Gravierend ist, dass er ihm entzogen wurde.“ Gegen diese Rücknahme wehre er sich. Näheres zur Klagebegründung wollte der Anwalt aber nicht sagen. Einen vergleichbaren Fall kenne er übrigens nicht, sagt Bracher, der seit 40 Jahren unter anderem auf Hochschulrecht spezialisiert ist. „Das ist ganz singulär.“ (Katja Rudolph)

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