Schläge und Schlafentzug

Verfolgte Christen trafen sich in Kassel: Berichte von erschütternden Schicksalen

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Gemeinsame Lobpreisung für Jesus: Mehr als 1000 Menschen beteten während der Jahrestagung von Open Doors für Verfolgte.

Kassel. Was die rund 2200 Christen am Samstag im Kasseler Kongress Palais zu hören bekamen, war erschütternd – und Hoffnung spendend zugleich. Während der Jahrestagung des christlichen Hilfswerks berichteten sie von Höllenqualen, die ihnen Polizei und Geheimdienste zugefügt haben.

Und sie erzählten, wie der tiefe Glaube ihnen die Kraft gegeben hat, die Qualen zu überleben und den Peinigern zu vergeben.

Die Nordkoreanerin Hea Woo beispielsweise, die nicht von vorn fotografiert werden darf, deren Name aus Angst vor dem Zugriff der Geheimpolizei geändert und deren Stimme technisch verstellt wurde, erzählte zum Teil unter Tränen ihre mehrjährige Leidensgeschichte in Arbeitslagern. Sie berichtete von 17 Stunden langen Arbeitstagen mit kaum etwas zu essen, mit Schlafentzug, Umerziehung, Schlägen, Folter, ohne Wasser und medizinische Versorgung. Dafür aber mit viel Ungeziefer wie Flöhen, Läusen und Ratten. „Gott hat mir die Kraft gegeben, diese Zeit zu überstehen“, sagte die Endsechzigerin, deren Mann in einem anderen Arbeitslager ums Leben kam – nur weil er Christ war.

Am Ende gelang Hea Woo auf abenteuerliche Weise die Flucht nach China, wo ihr Christen halfen unterzutauchen. Später kam sie nach Europa, wo sie an einem geheimen Ort lebt und unter widrigsten Bedingungen Hilfe für Christen in ihrer Heimat organisiert. Aber die zierliche Frau wirkt alles andere als verbittert. Sie sei trotz allem ein fröhlicher Mensch geblieben, weil sie „Jesus im Herzen“ trage. Sie forderte die Teilnehmer zum Gebet für alle Verfolgten in der Welt auf. „Lebt euren Glauben und dankt Gott für dessen Milde“, sagt sie unter dem Beifall der Teilnehmer.

Pastor Michael aus Indonesien wurde von zwei Andersgläubigen brutal niedergestochen und lebensgefährlich verletzt. Obwohl sein Gesicht und Nacken seither von Narben übersät sind, hat er den Tätern längst vergeben und sie sogar zum christlichen Glauben bekehrt. Die beiden Täter kommen sonntags in seine Kirche und sehen jedes Mal von Neuem, was sie Pastor Michael angetan haben.

Pfarrer Edward und Ehefrau Rana – auch diese Namen sind nicht echt – berichten von dem unermesslichen Leid der Menschen, insbesondere aber der verfolgten Christen in Syrien, wo seit drei Jahren ein fürchterlicher Bürgerkrieg mit Zigtausenden von Toten, noch mehr Verletzten und Millionen von Vertriebenen tobt. Sie helfen dort unter Einsatz ihres Lebens Christen und Muslimen, die in Not geraten sind – so gut sie können. „Jesus ist die einzige Zuflucht für die Menschen, die alles verloren haben. Es gibt viele Aufgaben für uns“, sagt der engagierte Geistliche, der vor „dem Ruf Gottes“ als Zahnarzt in Saudi-Arabien ein komfortables Leben führte. Jetzt organisiert er eine Nothilfe an einem der für Christen gefährlichsten Orte der Welt. Open Doors hilft bei der Versorgung von mehreren Zehntausenden Menschen dort.

Mit Schmuggel von Bibeln fing es an

Das überkonfessionelle christliche Hilfswerk Open Doors wurde 1955 von dem Niederländer Anne van der Bijl gegründet, um Bibeln in kommunistische Länder zu schmuggeln. Sitz des Vereins ist Kelkheim im Main-Taunus-Kreis. Im kommenden Jahr feiert Open Doors am 1. und 2. Mai sein 60-jähriges Bestehen in Kassel. Das wird dann die vierte Tagung der Organisation im Kongress Palais sein. Grund für die Wahl Kassels ist nach Angaben von Pressesprecher Harry Weiß die Zentralität der Stadt, aber auch der Zuschnitt der Stadthalle mit ihren zahlreichen Räumen für Seminare, Workshops und Besprechungen.

Open Doors unterstützt verfolgte Christen in aller Welt unter anderem finanziell, mit Bibeln und Selbsthilfeprojekten. Der Verein finanziert sich ausschließlich über Spenden. Nach seinen Schätzung werden weltweit 100 Millionen Christen in 50 Ländern wegen ihres Glaubens verfolgt. Die Organisation erstellt jährlich den „Weltverfolgungsindex“, eine Rangliste jener Länder, die Christen am schlimmsten drangsalieren. Die Liste führen aktuell Nordkorea, Somalia, Syrien, Irak und Afghanistan an.

Von José Pinto

www.opendoors.de

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