Historische Mauerreste der früheren Stadtkaserne freigelegt

Neugierig: Fast täglich läuft Herbert Vogt mit seiner fünfjährigen Enkelin Jasmin an der Baustelle vorbei. Foto: Quanz

Kassel. Das Militär hat über Jahrzehnte die Stadt Kassel geprägt. Eine der imposantesten Kasernen im Vorderen Westen steht jedoch seit 69 Jahren nicht mehr und ist in Vergessenheit geraten: Die Stadtkaserne an der Luisenstraße. Jetzt sind Bauarbeiter auf Mauerreste gestoßen.

Jérôme Bonaparte, der als König von Westphalen von 1807 bis 1813 in Kassel residierte, gab einst den Auftrag zum Bau der Stadtkaserne. Sein Ansinnen war es, mit dem Bau die Stadt von den Einquartierungen seiner Soldaten zu entlasten. Zwar zogen nach der Fertigstellung 1813 Soldaten in die Kaserne ein, doch bereits wenige Wochen später wurde Jérôme Bonaparte abgesetzt. Seine Soldaten zogen mit ihm aus der Stadt ab. Die Kaserne blieb stehen.

Einige Jahre später waren die Vereinigten Armen- und Werkhausanstalten in das weitläufige Gebäude eingezogen. Später war eine städtische Versorgungsanstalt, in der es eine Kinderstation für hilfsbedürftige Säuglinge, Klein- und Schulkinder sowie ein Wohlfahrtsheim gab, im Gebäude. Ende der 1930er-Jahre erfuhr das Gebäude eine neue Nutzung: Die Stadtkaserne bot fortan Wohnraum für 265 Mietparteien. Bei Luftangriffen der Alliierten auf Kassel 1943 wurde die Stadtkaserne vollständig zerstört und nicht wieder aufgebaut.

Stellplatz für Mülltonnen

Luftaufnahme: Als großer Gebäudekomplex ist die Stadtkaserne in der Bildmitte zu sehen. In Auftrag gegeben wurde der Bau an der Luisenstraße von Jérôme Bonaparte. Foto: Stadtmuseum/nh

Vor vier Wochen stießen Stadtreiniger bei Bauarbeiten auf Mauerreste der früheren Stadtkaserne. Das Grundstück, auf dem sich die Baustelle befindet, gehört der Wohnungsgesellschaft Hessen (GWH). „Wir wollten mit den Stadtreinigern einen Stellplatz für Mülltonnen anlegen“, sagt Sabine Mucksch von der GWH.

Aufmerksam auf die jetzige Baustelle wurde der 72-jährige Herbert Vogt, der mit seiner Enkelin Jasmin fast täglich auf dem Weg zum Kindergarten der Kreuzkirche daran vorbeiläuft. „Als ich die Mauer gesehen habe, dachte ich sofort, dass hier Reste eines Wohnhauses zu sehen sind“, sagt der Rentner.

Das informierte Amt für Denkmalschutz bestätigte nach einer ersten Prüfung, dass es Reste der Stadtkaserne seien. Dr. Klaus Sippel teilte der GWH mit, dass es sich bei den Mauerresten jedoch nicht um ein Bodendenkmal handelt. „Dafür sind die Mauerreste nicht alt genug“, sagt Dr. Sippel. Somit könnte die GWH die Mauer einfach abtragen oder zubetonieren. „Ich habe die GWH dennoch gebeten, die Mauer zu erhalten“, sagt Sippel. Er könne sich vorstellen, dass die Mauerkrone im Boden des Stellplatzes sichtbar bleibt.

Die GWH hat indes noch keine Entscheidung getroffen, ob die Mauerreste erhalten bleiben. „Es finden vom Amt für Denkmalschutz noch Vermessungsarbeiten statt“, sagt Mucksch. Die Ergebnisse müsse man abwarten, ehe man diesbezüglich eine Entscheidung treffe.

Von Florian Quanz

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.