Prozess vor dem Landgericht in Kassel

Vergewaltigt in Kasseler Therme? 45-Jähriger spricht von einvernehmlichem Sex

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Verhandlung vor dem Landgericht: Hier steht ein 45 Jahre alter Mann vor Gericht, der eine Frau vergewaltigt haben soll.

Onaniert, Frau betäubt und vergewaltigt? Mit diesen Vorwürfen steht ein Mann vor dem Kasseler Landgericht. Es steht Aussage gegen Aussage.

Ein 45 Jahre alter Mann aus dem Raum Paderborn muss sich seit Montag vor dem Kasseler Landgericht verantworten. Ihm wird vorgeworfen, in der Kasseler Therme zunächst onaniert zu haben, während eine Frau auf einer Liege neben ihm lag. Später soll er die Frau mit dem Schnüffelstoff Poppers betäubt und dann mit ihr den Geschlechtsverkehr ausgeführt haben. Das Gericht hat nun zu klären, ob hier eine Vergewaltigung vorgelegen hat.

Es steht Aussage gegen Aussage. Der Angeklagte gab zu Beginn der Verhandlung an, der Sex mit der Frau sei einvernehmlich gewesen. Er habe sich mit ihr über sexuelle Vorlieben unterhalten, sei dabei auch erregt gewesen. Beide hätten dann über Poppers geredet. Er habe auch Fläschchen mit dem Schnüffelstoff bei sich gehabt, sie seien aber nicht zum Einsatz gekommen. Nach dem seiner Meinung nach einvernehmlichen Geschlechtsverkehr habe er der Frau ein Fläschchen geschenkt.

Die Frau indes schilderte später als Zeugin die Geschehnisse an jenem Aprilabend im vergangenen Jahr ganz anders. Sie habe auf einer Liege im Grottenbereich der Therme gelegen, als sie bemerkt habe, dass ein Mann neben ihr schwer atmet. Als sie zu ihm geschaut habe, da habe sie dann gesehen, dass der Mann an sich rumspiele. Sie sei perplex gewesen, habe sich auf den Bauch gelegt, um sich der Situation zu entziehen. Schließlich habe der Mann ihr „das Zeug unter die Nase gehalten“. Ab da habe sie einen Break. „Da fehlt mir eine Ecke.“ Sie erinnerte sich nur noch daran, dass beide später in einem anderen Teil der Grotte gewesen seien und der Mann immer mit einem Fläschen rumgefuchtelt habe. Sie sei dann wieder zu sich gekommen, als der Mann von ihr abgelassen habe. Sie habe dann das Thermenpersonal informiert, später auch die Polizei. Nach der Tat habe sie drei Wochen nur im Bett gelegen und sei nicht nach draußen gegangen.

Dienstag wird die Verhandlung fortgesetzt. Ob schon ein Urteil fällt, ist noch unklar. Die Verteidigung verlangt noch ein Gutachten, das klären soll, ob und inwieweit irrationale Wahrnehmungsstörungen bei der Zeugin vorliegen.

Poppers können lebensgefährlich sein

Poppers ist ein Name für flüssige Drogen, die schnell, aber nur kurz wirken und zuweilen beim Sex angewendet werden. Die Inhaltsstoffe, die inhaliert werden, haben eine stark gefäßerweiternde Wirkung. Das kann zum Schock führen.

Zeugin: "Ich war so geschockt"

Am Ende dieses ersten Verhandlungstages wurde es noch einmal etwas lauter. Als der Verteidiger des Angeklagten verlangte, noch einmal einen Sachverständigen zu bestellen, um sich mit möglichen Wahrnehmungsstörungen der Zeugin zu befassen, da hielt die Vertreterin der Nebenklage und damit der Hauptbelastungszeugin dagegen. Da ging es dann um die wesentlichen Fragen dieses Prozesses, in dessen Mittelpunkt ein 45 Jahre alter Mann steht, der im vergangenen Jahr in der Kasseler Therme die Frau erst betäubt und dann vergewaltigt haben soll.

Wie glaubwürdig ist der Angeklagte, der meint, dass der Geschlechtsverkehr mit der Zeugin einvernehmlich gewesen sei? Wie glaubwürdig ist eben jene Zeugin, die das Gegenteil behauptet. Die sagt, sie stehe nicht auf Männer. Und deren Anwältin am Ende feststellt, dass es der Angeklagte während der Verhandlung nicht immer so genau genommen habe mit der Wahrheit.

So habe er frühere Alkoholprobleme zunächst bestritten, später habe er sie dann zugeben müssen. So habe er einer Polizeibeamtin bei der Durchsuchung seiner Wohnung erklärt, bei ihm sähe es so aus, weil er bald umziehe. Auch das habe sich als Lüge entpuppt. In der Wohnung lag laut Angaben der Beamtin zahlreiches Sexspielzeug, auf seinem Tablet lief ein Porno. Und so habe er erklärt, den Schnüffelstoff Poppers nie benutzt zu haben. Auch das habe sich später anders dargestellt.

Nur: Wie ist es tatsächlich gewesen an diesem Apriltag des vergangenen Jahres in der Therme?

Da ist auf der einen Seite der adrett gekleidete Angeklagte – ein Motorradverkäufer, der zunächst durchaus selbstbewusst auftritt und sagt: „Ich bin dafür anfällig, an ungewöhnlichen Orten Sex zu haben.“ Er sagt aber auch: „Ich bin nicht in der Sauna, um sexuellen Kontakt zu haben.“ Trotzdem hat er an jenem Tag drei Fläschen Poppers dabei – und eine Tasche mit Sexspielzeug.

Und da ist die Zeugin, 31 Jahre alt, der es nicht leicht fällt, über jenen Tag im April 2018 zu sprechen – schon gar nicht in Anwesenheit des Angeklagten. Er verlässt deshalb den Gerichtssaal, während sie aussagt. Immer wieder stockt ihre Stimme. Sie spricht dann nicht nur über das, was damals geschah, sondern auch über das, was dieser Tag mit ihr machte: Drei Wochen, so sagt sie es, lag sie im Bett, bekam nichts mit. Ihre sechsjährige Tochter musste sie zu ihrer besten Freundin bringen, Termine konnte sie nicht wahrnehmen. Sie mied Männer – selbst den Lebensgefährten ihrer besten Freundin, den sie sonst immer umarmte. Sie, die zuvor schon an Depressionen litt, hat Suizidgedanken, wie später eine Zeugin aussagt.

Als es darum geht, warum sie sich nicht gewehrt hat, warum sie nicht um Hilfe gerufen hat, sagt die Frau: „Ich war so geschockt und peinlich gerührt. Ich war wie gelähmt, hatte Ekel und habe gehofft, dass er aufsteht und geht.“

Dann fragt der Verteidiger des Angeklagten, warum sie ein Kind habe, obwohl sie lesbisch sei. Da wird sie energisch: Mit Anfang 20 habe sie einen extremen Kinderwunsch gehabt. Sie habe einen Mann kennengelernt, sei schwanger geworden, habe gedacht: „Das ist es jetzt.“ Nach drei Wochen ging die Beziehung in die Brüche. Aber: „Ich bin verdammt froh, dass ich das Kind habe.“

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