Anwalt wirft Staatsanwaltschaft Defizite bei Ermittlungen vor

Vergewaltigung hinter Gittern? - Ex-Gefangene erhebt schwere Vorwürfe

Die Justizvollzugsanstalt I in Wehlheiden: Eine ehemalige Gefangene behauptet, im April 2010 im Krankenhaus des Knasts von mehreren Männern vergewaltigt worden zu sein. Archivfoto:  Schachtschneider/Charterflug Knabe

Kassel. Die Vorwürfe sind ungeheuerlich. Eine 50-jährige Frau aus Bad Homburg behauptet, dass sie im April 2010 in der Krankenabteilung der Justizvollzugsanstalt I in Wehlheiden von mehreren Männern zwei Mal betäubt und brutal vergewaltigt worden ist.

Zudem soll zumindest ein Mitarbeiter der JVA beteiligt gewesen sein.

Die Frau, gegen die nach wie vor ein Verfahren wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Betrugs läuft, saß damals für vier Wochen in Untersuchungshaft. In dem Kasseler Gefängniskrankenhaus, das für ganz Hessen zuständig ist, wurde sie einige Tage wegen Vorerkrankungen behandelt.

Ob an den Vorwürfen der Frau etwas dran ist, ist unklar. Bis heute ist das Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Vergewaltigung nicht abgeschlossen. Ein erstes Verfahren war zunächst wegen mangelnden Tatverdachts eingestellt worden, sagt Dr. Gerhard Grüner aus Wiesbaden, der Anwalt der Frau. Grüner hat allerdings erreicht, dass das Ermittlungsverfahren Ende 2012 von der Staatsanwaltschaft Kassel wieder aufgenommen wurde. Nun wirft er der Staatsanwaltschaft aber vor, die Ermittlungen nicht voranzutreiben.

Mehrfach angeschrieben

„So einen Vorwurf aufzuklären, dafür ist die Staatsanwaltschaft doch da.“ Er habe die Ermittlungsbehörde am 17. Januar, 28. April und 5. Oktober 2013 angeschrieben, um zu erfahren, welche Ermittlungsansätze (zum Beispiel Zeugenvernehmungen) erfolgt seien, sagt Grüner. Bislang habe er keine einzige Antwort über den Stand der Ermittlungen erhalten. Seine Mandantin erklärte am Mittwoch gegenüber der HNA, dass sie seit Wiederaufnahme des Ermittlungsverfahrens Ende 2012 noch kein einziges Mal vernommen worden sei.

Nach Angaben von Dr. Götz Wied, Sprecher der Staatsanwaltschaft Kassel, laufe das Ermittlungsverfahren noch. Die Frau habe verschiedene Vorwürfe erhoben. „Daran wird noch gearbeitet.“ Wied weist aber den Vorwurf zurück, dass der Anwalt der Frau noch keine Unterlagen bekommen habe. Die Ermittlungsbehörde habe ihm welche zur Verfügung gestellt, die er nicht fristgerecht zurückgeschickt hätte.

„Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun“ sagt Grüner. Die Staatsanwaltschaft habe ihm lediglich ärztliche Unterlagen und das Gefangenenheft seiner Mandantin überlassen. Sonst nichts. „Die Art der Ermittlungen in Kassel verwundert mich.“

Rotes Piratentuch

Grüner geht es darum, dass bis heute offenbar noch keine potenziellen Zeugen vernommen worden seien. Dabei sei es doch ganz einfach, festzustellen, wer an den besagten Tagen (16. bis 18. April 2010) in dem Krankenhaus der JVA Dienst hatte und mit welchen inhaftierten Frauen seine Mandantin auf einem Zimmer untergebracht war.

Die 50-Jährige hat auf 16 Seiten detailliert beschrieben, wie die Vergewaltigungen in Kassel abgelaufen sein sollen. Sie beschreibt zum Beispiel einen Täter, der ein rotes Piratentuch mit Totenköpfen und gekreuzten Knochen bei der Vergewaltigung getragen haben soll.

Hintergrund - Frau: Polizei hat mir nicht geglaubt

Weil sie nach den Vergewaltigungen in dem Krankenhaus der JVA in Kassel massiv bedroht worden sei, habe sie unmittelbar danach niemanden von den Taten erzählt, sagt die heute 50-Jährige, die im April 2010 in Untersuchungshaft saß. „Meine ganze Hoffnung setzte ich in die Pflegerinnen und den Arzt.“ Obwohl sie blaue Flecken, offene Wunden und Verbrennungen am Körper gehabt und viel Blut verloren habe, sei ihr schlechter Zustand durch keine Pflegekraft in der JVA hinterfragt worden.

Mehr zur JVA Wehlheiden lesen Sie auch im Regiowiki der HNA.

Erst im Mai 2010, vier Wochen nach den Vergewaltigungen, nachdem sie aus der U-Haft in Frankfurt entlassen worden war, habe sie versucht, die Taten bei der dortigen Polizei anzuzeigen. Dort habe man ihr aber nicht geglaubt. Ebenso wenig bei der Kripo in Kassel, bei der sie anschließend telefonisch von den Taten berichtet habe. Daraufhin habe sie Rechtsbeistand bei Anwälten gesucht.

Das Ergebnis des Kasseler Ermittlungsverfahrens sei auch für ein zweites Strafverfahren gegen seine Mandantin relevant, das ab Ende Februar vor dem Landgericht Frankfurt stattfinden soll, sagt Verteidiger Dr. Gerhard Grüner (Wiesbaden). Der 50-Jährigen wird vorgeworfen, als Mitarbeiterin des Jobcenters in Bad Homburg mehrere hunderttausend Euro veruntreut zu haben (sie bestreitet das). Deshalb wurde sie vor einem Jahr zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt.

Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hat dieses Urteil jedoch aufgehoben, so dass jetzt neu verhandelt wird. Bei einer weiteren Verurteilung vor dem Landgericht Frankfurt könnte es sich als strafmildernd erweisen, falls die Vergewaltigungsvorwürfe in der U-Haft in Kassel nachgewiesen würden, so der Anwalt.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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