Verhandlungsführer der Szeemann-Erben im Interview zum Archiv-Verkauf in die USA

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Gedenken an Harald Szeemann: Ingeborg Lüscher bei der Verlehung des „Glases der Vernunft“ 2005 mit dem Initiator des Bürgerpreises, Prof. Dr. Hansjörg Melchior.

Kassel. Der Termin für ein Telefoninterview war fest vereinbart. Ingeborg Lüscher, die Witwe des Kurators Harald Szeemann, wollte sich zu ihren Beweggründen äußern, das Archiv ihres Mannes nicht nach Kassel, sondern in die USA zu verkaufen.

Im letzten Moment sagte die im Tessin lebende Künstlerin ab. Sie vermittelte den Kontakt für ein Interview zum Berliner Anwalt Prof. Dr. Peter Raue, der für sie als Bevollmächtigter aufgetreten war. Er war gut mit Szeemann befreundet.

Sie haben für Frau Lüscher die Verhandlungen über das Szeemann-Archiv geführt. Was hat für sie den Ausschlag gegeben, den Nachlass ihres Mannes in die USA zu geben?

Peter Raue: Das ist ganz simpel und ganz klar. Das Getty Research Institute konnte uns zusichern, wo es das Archiv lagert und dass in den nächsten Jahren ständig vier Archivare mit der Aufarbeitung beschäftigt sein werden. So war gesichert, dass in schnellster Zeit - wenn auch in Jahren gerechnet - das Archiv der Welt zugänglich gemacht wird.

Und in Kassel gab es da Defizite?

Raue: Dort wurde sehr engagiert verhandelt. Doch bei allem Respekt: Das Problem war, dass man uns auch vor drei Wochen nicht sagen konnte, wo das Archiv hingeht, wer es betreut, es war kein Sous dafür im Etat vorgesehen. Einen solchen Nachlass zu erwerben ist das eine, ihn aufzuarbeiten das andere. Dafür sind drei Jahre erforderlich, in denen zwei Menschen daran arbeiten. In Kassel ging es nach dem Motto: Das wird schon irgendwie klappen. Wenn wir 2,8 Millionen Euro für ein solches Archiv ausgeben, werden wir schon mehr auftreiben. Das aber war uns zu vage, denn ich weiß, wie schwer es ist, in Zeiten knapper Kassen Geld für eine solche Aufarbeitung in die Haushalte einzustellen. Nicht mal ein Raum stand schon zur Verfügung.

Und in Los Angeles war man da weiter.

Raue: Die Amerikaner sagten uns, wir wissen genau, wo das Archiv hinkommt. Die brannten förmlich nach diesem Projekt. Über den Preis haben wir nie gesprochen, er war von Anfang an durch Gutachten belegt. Das haben beide Seiten akzeptiert. Es ging nur darum: Wo wird sich das Archiv am wohlsten fühlen, wo ist es am sichersten aufgehoben?

Eigentlich ist Frau Lüschers emotionale Bindung an Kassel hoch, hieß es immer, weil sie ihren Mann hier bei der documenta 1972 kennengelernt hat. Aber Vorwürfe, dass es den Erben doch letztlich nur ums Geld geht, würden Sie für abwegig halten.

Raue: Sie sind abwegig. Getty bezahlt genau denselben Betrag, keinen Cent mehr. Ich glaube auch, dass die emotionale Bindung der Damen Lüscher - es sind ja beide, Mutter und Tochter - an Kassel naturgemäß hoch ist, wegen der Strahlkraft, die die von Harald Szeemann kuratierte documenta 1972 hatte. Sie war der erste weltweit beachtete Ausstellungserfolg von Harry Szeemann und gilt noch heute als ein Höhepunkt in der Geschichte der documenten. Aber am Ende war der Verstand eben doch stärker, das Archiv dorthin zu geben, wo wir wissen, wo es hinkommt, wo es wirklich bearbeitet wird. In Kassel hieß es, ein Bankgebäude wird vielleicht umgebaut, aber dafür gab es noch keinen Etat, und das war uns alles zu ungewiss.

Es ist in Kassel immer wieder debattiert worden, ob das Szeemann-Archiv wirklich einen Millionenwert hat. Welche Entdeckungen sind denn dort zu machen, welche Schätze lagern dort?

Raue: Ich habe es mal einen „Corpus mysticum“ genannt. Es umfasst die unglaubliche 50-jährige Tätigkeit von Harry Szeemann, der ein geradezu pathologischer Sammler war, der jeden Zettel aufgehoben hat. Er hat mit den größten Künstlern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammengearbeitet und einen völlig neuen Beruf, den Ausstellungsmacher, erfunden. Wie sind Ausstellungen entstanden, wie haben sich die Künstler geäußert? All das ist auf unglaubliche Weise dokumentiert, aber auch auf unglaublich chaotische Weise bewahrt. Man findet zurzeit nichts - das muss eben aufgearbeitet werden. Aber der Fundus ist ungeheuerlich. Für die Kunstgeschichte der internationalen Großausstellungen der letzten Jahre ist das ein großartiges Konvolut.

In welchem Zustand ist das Archiv? Skeptiker hatten immer wieder gemutmaßt, die Materialien seien längst verschimmelt und vergammelt.

Raue: Das ist so dummes Zeug, ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Ich war ja selbst dort. Das liegt genau so dort, wie es Harald Szeemann verlassen hat, in trockenen, geschlossenen, geheizten Räumen. Natürlich muss Papier, das aufeinander liegt, nach einer gewissen Zeit bearbeitet werden. Aber 98 Prozent sind vollkommen unbeschädigt. Der Rest ist von Restauratoren zu bearbeiten. Glauben Sie, das Getty Institute würde es kaufen, wenn es nicht in einem hervorragenden Zustand wäre?

Haben Sie an der Ernsthaftigkeit der Kasseler Ankauf-Absichten Zweifel gehabt?

Raue: Keine Sekunde. Das war wirklich geradezu erstaunlich, auch noch bei einem Gespräch mit der hessischen Kunstministerin und dem Oberbürgermeister vor drei Wochen: Die hätten das Archiv wirklich gern gehabt. Die meinten es ernst und haben fest daran geglaubt, dass sie auch die Archivare kriegen. Aber sie können ja kein Geld und keine Räume zum Zwischenlagern kreieren.

Hatten Sie das Gefühl, das Land Hessen und die Stadt Kassel sprechen mit einer Stimme?

Raue: Absolut. Ich weiß, da gibt es unterschiedliche Parteiungen. Aber alle Kandidaten vor der Oberbürgermeisterwahl hatten sich auf den Ankauf festgelegt. Ich habe nie geglaubt, dass ein Spiel mit uns gespielt wird. Das war sehr ernsthaft und würdig. Ich habe aber gesagt: Liebe Freunde, ich habe eine Trumpfkarte, ich verhandle mit einem zweiten Institut. Sie wussten, dass sie nicht konkurrenzlos dastehen. Das war ein Gebot der Fairness.

Hat die Dauer der Verhandlungen auch daran gelegen, dass es Frau Lüscher schwergefallen ist, den Nachlass überhaupt in fremde Hände zu geben?

Raue: Nein, die Verzögerungen liegen daran, dass erst Gutachten eingeholt und Geldgeber gesucht werden mussten, auch die Kulturstiftung der Länder wurde ins Boot geholt. Ich kritisiere das gar nicht. Aber Professor Thomas W. Gaehtgens, dem Direktor des Getty Research Institutes, habe ich das Archiv im Januar angeboten, im März war er im Tessin. Dann hat er vier Leute für acht Tage dorthin geschickt, die haben das Archiv von oben bis unten durchleuchtet. Dann ist in Windeseile entschieden worden. Das ist leichter bei einem solchen Institut. Da kommen die Trustees (das Kuratorium, d. Red.) zusammen, die zuvor mit hervorragenden Unterlagen ausgestattet waren und entscheiden innerhalb von einer Stunde. Die können schneller handeln, als eine an das öffentliche Recht gebundene Behörde.

Das hat sicher damit zu tun, dass Gaehtgens sich als Deutscher bestens auskennt.

Raue: Ja, natürlich. Er hat sich enorm ins Zeug gelegt. Er kannte die beiden Damen vor unserem ersten Gespräch Ende Februar 2011 nicht persönlich, aber er wusste natürlich, wer Harry Szeemann war. Er brannte förmlich nach dem Archiv, das kann ich gar nicht anders sagen.

Von Mark-Christian von Busse

Der gebürtige Münchner Prof. Dr. Peter Raue (70) ist Rechtsanwalt, Notar und Partner der internationalen Kanzlei Raue LLP mit Sitz im Kollhoff-Gebäude am Potsdamer Platz in Berlin. Der Honorarprofessor für Urheberrecht an der Universität Berlin war 31 Jahre lang Vorsitzender des Vereins der Freunde der Nationalgalerie in Berlin. In dieser Funktion trug er in den Jahren 2004 und 2007 maßgeblich zum riesigen Erfolg zweier Ausstellungen mit Bildern aus New York bei: „Das MoMA in Berlin“ und „Die schönsten Franzosen kommen aus New York“. Der Kunstliebhaber war an zahlreichen Gerichtsverfahren um prominente Künstler beteiligt. 2007 vertrat der zweifache Vater die documenta im Urheberrechtsstreit um die Giraffe „Brownie“ in der documenta-Halle. (vbs)

Das Getty Research Institute (Forschungsinstitut), das den Szeemann-Nachlass erworben hat, gehört zum J. Paul Getty Trust. Diese Stiftung ist in Brentwood, einem Distrikt von West Los Angeles, ansässig. Der Öl-Industrielle Jean Paul Getty (1892-1976) hatte zehntausende Kunstwerke gesammelt. Seit 1997 sind sie im J. Paul Getty Museum zu sehen, das Star-Architekt Richard Meier errichtet hat. Zur Stiftung gehören weitere wissenschaftliche Einrichtungen, die sich mit Restaurierung und der Aus- und Fortbildung von Führungspersonal für Museen beschäftigen. Direktor des Forschungsinstituts ist der deutsche Kunsthistoriker Thomas W. Gaehtgens. Der 70-Jährige lehrte als Professor in Göttingen und Berlin. Auf der Webseite www.getty.edu wird der Kauf des Szeemann-Nachlasses als grundlegende, bedeutende Quelle für die Erforschung der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts bereits vorgestellt. (vbs)

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