Sinkende Mitgliederzahlen

Fitnessstudios in Kassel geht wegen Corona die Luft aus

Es fällt ihm schwer, nach vorne zu blicken: Kaan Kabasakal wünscht sich bald Klarheit darüber, wann ein Normalbetrieb seines Studios She Body wieder möglich ist.
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Es fällt ihm schwer, nach vorne zu blicken: Kaan Kabasakal wünscht sich bald Klarheit darüber, wann ein Normalbetrieb seines Studios She Body wieder möglich ist.

Viele Unternehmen leiden unter den aktuellen Corona-Beschränkungen. Gerade Fitnessstudios trifft es in Kassel hart.

Kassel – Die Fitnessstudios leiden immens unter den Corona-Beschränkungen. Mehrere Kasseler Studios äußerten im HNA-Gespräch große Sorgen über ihre Zukunft. Zwar ist ihr Betrieb in Hessen unter Auflagen seit Anfang März wieder möglich, aber es zieht deutlich weniger Menschen zum Training dorthin.

Die Folge sind sinkende Mitgliederzahlen. Hinzu kommt, dass die Corona-Hilfen – wie auch in anderen Branchen – nur schleppend bei den Betreibern angekommen sind. „Die Fitnessindustrie befindet sich in einer Art Schockstarre und mit dem Rücken an der Wand. Viele wissen nicht, wie lange sie noch überleben können“, sagt Hagen Wingertszahn, Geschäftsleiter von McFit Deutschland. Das Unternehmen betreibt an der Kohlenstraße (Kassel) ein Fitness-Studio.

Corona-Hilfen für Fitnessstudio in Kassel: „Nicht mal ein Tropfen auf dem heißen Stein“

Seine gesamte Kette habe in den vergangenen Monaten 50.000 Euro Corona-Hilfen erhalten. Dies sei bei einem Unternehmen dieser Größe „nicht mal ein Tropfen auf dem heißen Stein“. Zudem stünden mehr Kündigungen kaum Neuverträge gegenüber. Die Situation ist bei anderen Studios ähnlich: Normalerweise schließe die Branche von Oktober bis April die meisten Neuverträge, sagt Kaan Kabasakal vom Kasseler Frauenfitnessstudio She Body.

Wegen der Verunsicherung, wie sich die Krise weiterentwickele und ob es erneut Schließungen gebe, entschieden sich deutlich weniger für eine Mitgliedschaft. Gleichzeitig gebe es mehr Kündigungen als üblich. Trotz Hygienemaßnahmen scheue mancher das Training und anderen fehle aktuell das Geld dafür, sagt Kabasakal. Er habe einen hohen Kredit aufnehmen müssen, um die Phase überbrücken zu können. Die offiziellen Hilfen für Januar und Februar, die nur die Fixkosten deckten, habe er erst zu Ostern erhalten. Über die Probleme, die Corona im Zusammenhang mit einer Fitnessaudiomitgliedschaft auslösen kann, berichtete eine Studentin aus Kassel.

Fitnessstudio „Fit und Fun“ in Kassel: Auf Corona-Hilfen wird immer noch gewartet

Gül Strutzke von der Geschäftsführung des Studios Fit und Fun an der Angersbachstraße (Kassel) wartet immer noch auf Hilfen des Staates. „Da wir während der behördlich angeordneten Schließzeit keine Beiträge eingezogen haben beziehungsweise überzahlte Zeiträume in Form von beitragsfreier Trainingszeit an die Mitglieder zurückgegeben haben, hat uns das natürlich sehr hart getroffen“, sagt Strutzke.

Eine Sprecherin der Kette Fitness First, die an der Wilhelmshöher Allee ein Studio betreibt, teilt mit: „Wir sind ein finanzstarkes Unternehmen. Dennoch beschert uns der zweite Lockdown erhebliche finanzielle Einbußen.“ Es brauche langfristige Förderungen des Staates. Die finanzielle Komponente ist auch für viele Fitnessstudio-Mitglieder während des Corona-Lockdowns ein Problem.

Fitnessstudio-Betrieb während Corona: Studiobetreiber aus Kassel berichten

Wenn Kaan Kabasakal von den vergangenen Monaten spricht, klingt das so, als sitze er in einem Flugzeug im Sinkflug: Langsam aber stetig gingen die Mitgliederzahlen zurück, so der Betreiber des Frauen-Fitnessstudios She Body an der Wilhelmshöher Allee. Aktuell habe er gut 1500 Kundinnen. 250 habe er durch Corona bereits verloren. Weil kaum jemand wegen der unklaren Lage einen Vertrag abschließe, kenne die Entwicklung derzeit nur eine Richtung: abwärts.

Dabei will Kabasakal nicht nur meckern. Zwar seien die Corona-Hilfen spät geflossen und nicht kostendeckend gewesen, aber im Vergleich mit anderen Ländern könne man froh sein. „In der Türkei gibt es keine vergleichbaren Hilfen“, so Kabasakal. Der Studiobetreiber würde gerne nach vorne schauen. Aber es fällt ihm schwer. Es fehle die Perspektive. „Niemand weiß, wann der nächste Lockdown kommt.“

Corona und die Mitgliedschaft im Fitnessstudio: Fairness im Umgang mit Kunden

Beim Umgang mit seinen Kunden bemühe er sich um Fairness. Er habe von November bis Anfang März, während die Studios schließen mussten, nur im Dezember den Mitgliedsbeitrag seiner Kunden eingezogen. Für diesen einen Monat habe er seine Kunden um Hilfe gebeten und im Gegenzug Gutschriften für die Zeit nach der Wiedereröffnung angeboten. Die meisten hätten dies akzeptiert und Verständnis für seine angespannte Lage.

„Ich habe vor dem Lockdown in neue Geräte investiert und einen hohen Kredit aufgenommen“, sagt Kabasakal. Während die Corona-Hilfen im November und Dezember 75 Prozent des Umsatzes abgedeckt hätten, seien im Januar und Februar nur die Fixkosten bezahlt worden. Weitere Informationen zu Corona in Kassel gibt es in unserem News-Ticker.

Fitnessstudios während Corona: Aktuell wenige Neuverträge in Kassel

Seine Branchenkollegen äußern sich ähnlich: „Allgemein liegt die größte Kostenfalle für Fitnessstudios darin, dass fortlaufend an allen Stellen Investitionen zu tätigen sind und wir permanent erhöhte Kosten haben“, so eine Sprecherin von Fitness First. Weil aktuell nur wenige Neuverträge geschlossen würden, belaste dies das Geschäft über die Laufzeit von 24 Monaten hin.

Dies unterscheide ihre Branche beispielsweise von Restaurants, die wegen der Schließungen nur in den jeweiligen Monaten Einnahmeausfälle hätten. „Durch die in den beiden Lockdowns nicht geschriebenen Neuverträge und leicht erhöhten Kündigungszahlen hat die Branche 25 bis 30 Prozent weniger Mitglieder und dadurch erhebliche finanzielle Einbußen“, so die Sprecherin von Fitness First weiter.

Fitnessstudios: Corona-Verluste wahrscheinlich nicht aufzuholen

Hagen Wingertszahn, Geschäftsleiter der McFit-Kette, geht davon aus, dass die Verluste in den nächsten Jahren nicht aufzuholen seien werden. „Dadurch, dass wir jedem Mitglied die Zeit, in der sie oder er nicht trainieren konnte, gutgeschrieben haben, entsteht für uns buchhalterisch kein Umsatz. Es ist eine Vorauszahlung für eine zukünftige Leistung“, so Wingertszahn.

Und Gül Strutzke vom Studio Fit und Fun sagt. „Wir hoffen auf eine Normalisierung im Herbst, wenn bis dahin hoffentlich viele Menschen geimpft sind und erkennen, wie wichtig Sport und körperliches Training für die Gesundheit sind.“ (Bastian Ludwig)

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