Interview mit Sozialarbeiter

Vermittler zwischen Fußballfans und Polizei in Kassel - Kasseler Fanprojekt Fullestadt wird 5 Jahre alt

Er leitet seit fünf Jahren das Fanprojekt Fullestadt: Sozialarbeiter Dennis Pfeiffer steht vor einem Schriftzug, der in den Räumlichkeiten des Fanprojekts an der Kurt-Schumacher-Straße zu sehen ist.
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Er leitet seit fünf Jahren das Fanprojekt Fullestadt: Sozialarbeiter Dennis Pfeiffer steht vor einem Schriftzug, der in den Räumlichkeiten des Fanprojekts an der Kurt-Schumacher-Straße zu sehen ist.

Das Fanprojekt Fullestadt in Kassel wird fünf Jahre alt.

Kassel – Bereits im Jahr 2012 gab es Bemühungen, ein Fanprojekt für die Anhänger des KSV Hessen Kassel ins Leben zu rufen. Verein, der Fanbeauftragte, DFB, der damalige Innenminister Boris Rhein und die Polizei waren für das Projekt, das gegen Gewalt vorbeugen sollte. Das Projekt scheiterte damals allerdings an der Stadt Kassel, die sich mit 30 000 Euro pro Jahr hätte beteiligen müssen.

2016 gab es dann einen Sinneswandel im Rathaus. Plötzlich wollte man sich an dem professionellen Fanprojekt doch beteiligen. Gesagt, getan. Das Kasseler Fanprojekt Fullestadt in Trägerschaft des Internationalen Bundes wird jetzt fünf Jahre alt. Wir sprachen über die Jugendsozialarbeit rund um den KSV Hessen Kassel mit Sozialarbeiter Dennis Pfeiffer.

Was hat sich geändert, seitdem es ein professionelles Fanprojekt in Kassel gibt?

Ich habe ja schon davor als Honorarkraft 30 Stunden pro Monat mit Fans des KSV Hessen Kassel gearbeitet. Damals hatte ich aber nur Zeit für Feuerwehreinsätze. Es gab keine Zeit und keinen Raum, um präventive Projekte anzugehen. Seit fünf Jahren habe ich den Luxus, auf ein Team zurückgreifen zu können. Wir haben zweieinhalb Stellen, die ich mir mit Sozialarbeiter Steffen Tritschler und Sozialassistentin Lina Eckhardt teile.

Dazu kommen seit diesem Jahr Oskar Schmidt, der sein FSJ bei uns macht, und einige sehr engagierte Ehrenamtliche. Der große Vorteil ist, dass wir uns auch an Spieltagen aufteilen können. Einer kümmert sich um die KSV-Fans, der andere geht zu den gegnerischen Fans im Auestadion.

Gibt es dank des Fanprojekts keine Randale mehr?

Ja, höchstens kleinere Rennereien. Eine große Auseinandersetzung bei einem Heimspiel gab es zum letzten Mal bei meinem ersten Spiel in Amt und Würden. Das war im Oktober 2016, als die Offenbacher Kickers ins Auestadion kamen. Die Anhänger der Kickers hatten im Vorfeld Fahnen von Fans des KSV gestohlen. An dem Spieltag haben sie diese in der Südkurve präsentiert und zerrissen. Das hatte zur Folge, dass es Versuche von Kasseler Ultras gab, zu den Offenbachern zu gelangen. Es ging damals ganz schön rund. Die Polizei war mit 200 Beamten im Einsatz und drängte unsere Fans in die Nordkurve zurück, es wurde Pfefferspray eingesetzt.

Das Spiel stand auch kurz vor dem Abbruch. Die Staatsanwaltschaft hatte nach der Randale sechs Verfahren gegen Fußballfans wegen Landfriedensbruch, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Sachbeschädigung und Beleidigung eingeleitet. Wie haben Sie das mit den Fans aufgearbeitet?

Wir haben viele Gespräche mit ihnen geführt. Es ist hilfreich, wenn man weiß, wie die Mechanismen in solch einer Subkultur funktionieren. Eigentlich war damals klar, dass so etwas passieren muss.

Warum?

Wenn Fans eine Fahne einer anderen Mannschaft stehlen, dann ist das die höchste Stufe der Provokation. Wir haben im Nachgang versucht, zu vermeiden, dass sich die Spirale der Gewalt weiterdreht. Man kennt die Problematik ja aus Italien. Da hat es bereits mehrfach Tote beim Fußball gegeben. Da befindet sich die Ultraszene zum Teil im Kriegszustand. So etwas darf und soll in Deutschland nicht geschehen.

Was unternehmen Sie dagegen?

Wir stehen in Kontakt mit anderen Fanprojekten, haben zum Beispiel eine enge Kommunikation mit dem Fanprojekt in Offenbach, für das Sozialarbeiterin Antje Hagel verantwortlich ist. Sie ist sehr erfahren, von ihr kann man im Umgang mit Fans viel lernen.

Solche Worte der Wertschätzung werden Kasseler Fans über die Offenbacher Kickers wohl niemals finden. Und umgekehrt auch nicht.

Sicher nicht. Die gegenseitige Abneigung hat sich über Jahre entwickelt.

Für welche Anhänger ist das Fanprojekt gedacht?

Wir sind kein reines Ultra-Projekt, auch wenn der Kontakt zu den Ultras aus Block 30 besonders eng ist. In unsere Räumlichkeiten an der Kurt-Schumacher-Straße kommen aber auch Jugendliche, die keiner Fangruppe angehören. Zudem haben wir eine Mädchengruppe.

Was leistet das Fanprojekt alles?

Im Stadion vermitteln wir zwischen Fans und der Polizei, den Ordnungskräften sowie dem Verein. Wir leisten aber auch Einzelfallhilfe. Wenn uns zum Beispiel auffällt, dass sich ein Fan bei jedem Spiel betrinkt, dann gehen wir das an. In unserem Räumen bieten wir klassische Jugendsozialarbeit an. Zusammen mit Fans aus Kiel haben wir mit den Jugendlichen auch Israel und die Autonomiegebiete besucht und geschaut, wie dort Fanarbeit funktioniert.

Sind die Ultras politisch?

Sie haben explizit keine politische Ausrichtung. Innerhalb der Kasseler Ultraszene haben rechtsextreme Einstellungen und Fremdenhass aber keinen Rückhalt, im Gegenteil.

Wie sieht es mit Hooligans aus?

Auch mit denen arbeiten wir, die sind im Alter zwischen 20 und 50 und sitzen zum Teil auch auf der Haupttribüne. Ihre politische Ausrichtung würde ich von stramm Rechtsaußen bis stramm Linksaußen beschreiben und ganz viel dazwischen.

Gewalt von Hooligans hat es im Auestadion schon länger nicht mehr gegeben, oder?

Dass Hooligans unterschiedlicher Mannschaften sich kloppen, findet mittlerweile im Verborgenen statt. Die verabreden sich zu Wald- und Wiesenkämpfen, manchmal vor einem Spiel. Das ist aber eine komplett eigene Welt.

Wie ist derzeit das Verhältnis zwischen den Fans und der Mannschaft?

Auch wenn das letzte Spiel gegen Astoria Walldorf nicht so gut war, stimmt es zwischen Fans und Mannschaft. Da ist eine große Nähe zum Team. Die Anhänger sehen, dass die Spieler sich auf dem Platz aufopfern. Auch das Verhältnis zum Verein ist sehr gut. (Ulrike Pflüger-Scherb)

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