Ein Versicherungsmakler erzählt: Ein Jahr bei Mehmet Göker und der MEG

Kassel. Nach und nach kommt immer mehr heraus, wie bei dem Versicherungsvermittler MEG Geschäfte gemacht wurden: Zum Beispiel seien Unterschriften gefälscht worden. Das sagt jedenfalls der Versicherungsfachmann Werner Müller (Name geändert), der ein Jahr bei der MEG gearbeitet hat.

Er habe selbst gesehen, wie Unterschriften von möglichen Kunden, mit denen man sich Gesprächsprotokolle bestätigen ließ, auf Verträge durchgepaust worden seien. Die Versicherung zahlte die Provision an die MEG - bis das große Erwachen kam und solche Verträge storniert wurden. Zu dem Trick habe auch so mancher gegriffen, der nicht in der Lage gewesen sei, seriös Versicherungen zu verkaufen. Müller: „Mangels Ausbildung waren einige noch nicht mal in der Lage, Fragebögen korrekt auszufüllen.“

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Ein anderer MEG-Trick: Um möglichst viele Verträge abzuschließen, seien bestimmte Krankheiten, die eine private Krankenversicherung unmöglich machen, einfach nicht angegeben worden.

Müller verdiente bei der MEG nicht schlecht. Er vermittelte Versicherungsverträge, für die er im Monat zwischen 6000 und 8000 Euro Prämien kassierte. Unterm Strich blieben bei einer Sechs-Tage-Woche und einem Zehn-Stunden-Tag aber nur 1000 bis 1500 Euro, erzählt Müller. Denn: Der Großverdiener bei der MEG hieß Mehmet Göker.

Göker habe seinen Vermittlern nämlich Datensätze verkauft - Adressen von potenziellen Kunden, denen man Versicherungen verkaufen konnte. Dafür griffen die MEGler tief in die Tasche - 119 Euro pro Adresse. 20 bis 30 Prozent davon habe Göker kassiert. Dabei habe Göker seine Günstlinge bevorzugt, sagt Müller. Die hätten vorrecherchierte Datensätze bekommen, bei denen man das konkrete Interesse der Kunden geprüft hatte - so war die Chance eines Abschlusses größer.

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Die anderen hätten sich mit Daten plagen müssen, die zum Teil wenig wert waren. Göker habe sie etwa bei anderen Unternehmen angekauft, die über Preisausschreiben in den Besitz vieler Adressen gelangt waren. Nach einer MEG-Jubiläumsveranstaltung war für Müller Schluss. Dort hatte Mehmet Göker auf der Bühne MEG-Siegelringe verteilt und von den Mitarbeitern einen Treueschwur verlangt. Müller: „Das war wie bei einer Sekte“.

Von Frank Thonicke

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