Neue Stolpersteine in Kassel

Versteckt, inhaftiert, erschossen: Erinnerungen an Naziopfer

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Zwangsarbeit: Wolfgang Schönfeld im KZ Auschwitz-Monowitz. Die Aufnahme stammt vermutlich aus dem Jahr 1943.

Kassel. Am Wochenende 2. und 3. November wird der Künstler Gunter Demnig zum dritten Mal in Kassel Stolpersteine zum Gedenken an Opfer des Naziregimes verlegen. Wir stellen einige vor.

Weil er sich mit einer christlichen Frau verlobt hatte, wurde Wolfgang Schönfeld von der Gestapo wegen „Rassenschande“ verhaftet, inhaftiert und später auch ermordet. Wolfgang kam am 30. April 1917 in Kassel als drittes Kind von Schuhgroßhändler Hugo und Friederike Marie Schönfeld zur Welt. Hugo Schönfeld war Jude, seine Frau stammte aus einer christlichen Familie. Wolfgang wurde evangelisch getauft. Er verbrachte seine Schulzeit auf dem Kasseler Realgymnasium.

Hintergrund: Stolpersteine an 500 Orten

Ende der 1990er-Jahre hat der in Köln lebende Künstler Gunter Demnig die Aktion Stolpersteine ins Leben gerufen. Er will damit an die Opfer der NS-Zeit erinnern, indem er vor dem letzten selbst gewählten Wohnort der Menschen Gedenktafeln mit deren Lebensdaten in den Bürgersteig einlässt. Inzwischen liegen Stolpersteine in über 500 Orten Deutschlands und in Europa. Seit Mai 2012 gibt es den Verein „Stolpersteine in Kassel“. Für 120 Euro kann jeder eine Patenschaft für einen Stolperstein übernehmen.

Infos und Kontakt: stolpersteine-in-kassel@arcor.de

Nach der Machtübernahme 1933 wurde die Familie zunehmend diskriminiert und im Zuge der Arisierung gezwungen, ihr Geschäft zu verkaufen. Wolfgang Schönfeld ging nach einer Ausbildung zum technischen Kaufmann im Herbst 1938 freiwillig zur Wehrmacht. Er war als Soldat zunächst in Polen und dann in Frankreich. Ende 1940 wurde er als „jüdischer Mischling“ aus der Wehrmacht ausgeschlossen. Dennoch blieb er zunächst von der Deportation verschont und bekam bei der Firma Giermann in Kassel und später bei der Firma Pfeiffer in Erfurt eine Anstellung als technischer Kaufmann. In Erfurt lernte er seine christliche Verlobte kennen.

Am 17. Februar 1943 kam Schönfeld in Erfurt wegen „Rassenschande“ ins Gefängnis, zwei Monate später wurde er nach Auschwitz deportiert. Er kam in das Lager Auschwitz III, das den Buna-Werken in Monowitz angegliedert war, wo er als Hilfsarbeiter und Schweißer arbeiten musste. 16 Monate nach seiner Deportation gelang es Schönfeld zu fliehen und nach Kassel zurückzukehren. Dort versteckte er sich im Schrebergartenhäuschen der Eltern.

In den folgenden Monaten traf er sich öfters mit seiner Verlobten aus Erfurt, die dazu stets nach Kassel reiste. Am 25. Dezember 1944 wollte Wolfgang Schönfeld sie am Hauptbahnhof abholen. Diese Unvorsichtigkeit wurde ihm zum Verhängnis. Als er die Bahnhofshalle betrat, wurde er von der Polizei, die eine Razzia gegen Schwarzhändler machte, festgenommen.

Zu Besuch in Kassel: Hugo Schönfeld (links) mit seinem Sohn Wolfgang Schönfeld, der als Soldat diente, bis er aus der Wehrmacht ausgeschlossen wurde.

Schönfeld versuchte zu fliehen, dabei wurde er auf dem Bahnhofsvorplatz von einem Polizisten durch einen Streifschuss verletzt und ins Zuchthaus Wehlheiden gebracht. Am 30. März 1945 wurde Wolfgang Schönfeld mit elf weiteren Gefangenen auf Befehl des damaligen Gestapostellenleiters Franz Marmon auf dem Wehlheider Friedhof erschossen.

Sechs Tage später, am 5. April, marschierten amerikanische Truppen ein, der Krieg war in Kassel beendet. Auf Bestreben seines Vaters wurde Wolfgang später auf dem Friedhof Wahlershausen, nahe dem elterlichen Haus, bestattet. Er wurde auf das dortige Bombenopferfeld umgebettet, wo sich sein Grab direkt vor dem Gedenkkreuz befindet.

Von Christina Hein

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19 Stolpersteine werden verlegt

Folgende Stolpersteine werden von dem Künstler Gunter Demnig am kommenden Wochenende an zwei Tagen in Kassel verlegt:

• Samstag, 2. November, 17 Uhr, Hugo-Preuß-Straße 35, sowie 18 Uhr am Kinderkrankenhaus Park Schönfeld, Frankfurter Straße, für Dr. Felix Blumenfeld (1873–1942)

• 17.30 Uhr, Schillerstraße 38 für Berta Elias (1873–1943), Marta Burghardt geb. Elias (1895–1942), Otto Elias (1897–1944) und Ruth Burghardt (geboren 1924)

• Sonntag, 3. November, 11 Uhr, Wilhelmshöher Allee 320 für Wolfgang Schönfeld (1917–1945)

• Wilhelmine Pötter (1893–1942) und Justus Pötter (1865–1948), 11.30 Uhr, Wahlershäuser Straße 26

• Albert Avraham Oppenheim (1883–1942) und Meta Rebecca Oppenheim (1885–1944), 12 Uhr, Friedrich-Ebert-Str. 90

• Luise Nauhaus (1879–1941), 12.30 Uhr, Ständeplatz 19

• Konrad Belz (1887–1936), 14 Uhr, Henkelstraße 13

• Gustav Stief (1924–1945), 14.30 Uhr, Waisenhausstr. 9 A

• Karl Mondschein (1887–1942), Hilda Mondschein (1881–1941) René Mondschein (1912–1941) und Paul Mondschein (1915–1939), 15 Uhr, Wilhelmshöher Allee 40

• Dr. Max Plaut (1888–1933), 15 Uhr, Wilhelmshöher Allee 55.

Ein erster Stolperstein war von Gunter Demnig in Kassel im Mai 2012 für Traugott Eschke verlegt worden. Es folgten im April 2013 zehn weitere Steine für NS-Opfer.

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