Die amerikanische Autorin Ruth Klüger hatte eine enge Beziehung zu Kassel

Nachruf: „Sie war ja ein großer Star“

Lesung: Eva Schulz-Jander (links) und Ruth Klüger am 5. Juli 1993 im Kasseler dock 4.
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Lesung: Eva Schulz-Jander (links) und Ruth Klüger am 5. Juli 1993 im dock 4.

Die jetzt im Alter von 88 Jahren verstorbene österreichisch-amerikanische Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Holocaust-Überlebende Ruth Klüger hatte eine intensive Beziehung zu Kassel, wo sie sich häufig aufhielt. Sie war über viele Jahre zu Lesungen und Diskussionen nach Nordhessen gekommen und hatte hier Freunde und Bekannte. Ein Lebenszentrum der Kalifornierin war Göttingen, wo sie Ehrendoktorin der dortigen Uni war und einen zweiten Wohnsitz hatte.

Kassel. Gleich nach der Veröffentlichung ihres internationalen Bestsellers „weiter leben“ im Jahr 1992 im Göttinger Wallstein-Verlag, in dem Klüger ihre Kindheit in den Konzentrationslagern Theresienstadt und Auschwitz schildert, kam sie zu einer Lesung nach Kassel. Eingeladen hatte sie Eva Schulz-Jander von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

„Ich war so nervös, diese kluge und berühmte Frau zu treffen“, sagt die heutige Ehrenbürger Kassels, Schulz-Jander. „Sie war ja ein großer Star.“ Doch schnell habe sich herausgestellt, dass Ruth Klüger „uneitel, aufgeschlossen und ausgesprochen fair“ war. „Sie hat einen stets ermutigt, offen zu reden und die eigene Meinung zu äußern – auch wenn sie selber anderer Ansicht war. Sie liebte den intellektuellen Austausch.“ Und hatte in Schulz-Jander eine Gleichgesinnte gefunden. Klüger lud die Kasselerin später zu einer Diskussion in der Uni Göttingen zum Thema Holocaust-Literatur ein.

2001 rückte Ruth Klüger auch literarisch an Kassel heran. Da veröffentlichte sie in ihrem Hausverlag die Erzählungen des in Kassel geborenen Dramatikers Salomon Hermann Mosenthal (1821 – 1877) und trug damit zur Wiederentdeckung eines Buchs bei, in dem Mosenthal seiner Geburtsstadt ein liebevolles Denkmal gesetzt hat. Natürlich kam sie auch hier nach Kassel: zu einer Lesung ins Evangelische Forum.

Eveline Valtink, langjährige Leiterin des Evangelischen Forums und der Evangelischen Akademie Hofgeismar, erinnert sich an eine beeindruckende Intellektuelle: „Was mich an Ruth Klüger faszinierte, war, dass die menschenunwürdigen Erlebnisse in den KZs sie nicht haben brechen können. Ich habe sie als selbstbewusste, kämpferische Frau erlebt. Gegenüber Nazideutschland und neuem Antisemitismus hierzulande hat sie in Gesprächen meist mit beißendem Sarkasmus reagiert. Das musste man aushalten. Sie war keine geschmeidige Zeitgenossin.“

Ruth Klüger war stets präsent: Neben ihren Büchern schrieb sie häufig für deutsche Zeitungen. Am 27. Januar 2016 hielt sie zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag die Gedenkrede.

„Ihre Stimme wird uns fehlen“, sagt Eva Schulz-Jander.

Von Christina Hein

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