Kreative von Nazis vertrieben

Die verstummten Stimmen des Staatstheaters

Kassel. Die Vertreibung jüdischer und „politisch untragbarer“ Ensemblemitglieder aus den deutschen Theatern war das Ergebnis einer nationalsozialistischen Kulturpolitik, die schon vor 1933 propagiert worden war. Wie die Vertreibung in Kassel ablief, hat  Historiker Sven Fritz erforscht.

Kaum ist Adolf Hitler am 30. Januar 1933 in Berlin zum Reichskanzler ernannt worden, beginnen die Nationalsozialisten im ganzen Land mit der Machtergreifung. Auch in Kassel, auch am Staatstheater. Die NS-Zeitung Hessische Volkswacht fordert am 16. Februar massiv „die Befreiung der Kasseler Bühnen von rassefremdem Einfluss“ und stattdessen die Beschäftigung „hungernder deutscher Bühnenkünstler“.

So unter Druck geraten, setzt Intendant Edgar Klitsch zunächst die Sängerin Ljuba Senderowna (siehe nebenstehender Artikel) und den Chorsänger Santo Hornblass nicht mehr ein. Doch dies – so die Recherchen des Historikers Sven Fritz – nützt dem Intendanten nichts. Am 24. März erscheint der Leiter der kulturpolitischen Abteilung der NSDAP, Dr. Weidemann, bei Klitsch und fordert ihn zum Rücktritt auf. Zwar sei ihm politisch und künstlerisch nichts vorzuwerfen, doch wolle man auf seinem Posten einen 100-prozentigem Nazi. Klitsch verlässt Kassel, arbeitet später am Theater in Magdeburg.

Sein kommissarischer Nachfolger wird Willi Schillings, Operettentenor, NSDAP- und SA-Mitglied. Als erstes Stück im „neuen Deutschland“ wird das den Weltkrieg verklärende Frontdrama „Die endlose Straße“ aufgeführt. Schillings entlässt zugleich die drei jüdischen Ensemblemitglieder Senderowna, den Dramaturgen Franz Mirow und den Kapellmeister Werner Seelig-Bass. Ähnlich ergeht es dann dem jüdischen Sänger Santo Hornblass und dem Opernsänger Fritz Hintz-Fabricius, dem seine „marxistischen und moralischen Einstellungen“ vorgeworfen werden. Bühnenbildner Heinz Helmdach, Oberspielleiter Fritz Schröder und Kapellmeister Felix Oberhoffer werden gefeuert, weil sie für ihre persönliche Nähe zum alten Intendanten Klitsch bekannt sind. Mit diesen Entlassungen – so Historiker Fritz – versucht sich Schillings offenbar gegen Vorwürfe zu wehren, die gegen ihn selbst erhoben werden.

Der geltungssüchtige Intendant hatte Auszeichnungen aus dem Weltkrieg zu Unrecht getragen und war so zum Gesprächsthema der Kasseler Öffentlichkeit geworden. Schillings wird beurlaubt und wechselt zur Spielzeit ’33 / 34 nach Frankfurt. Im Gegensatz zu den von ihm vertriebenen Juden gelingt Schillings eine bruchlose Karriere in der Nachkriegszeit. Dort gehört Ludwig Renko – so nennt er sich jetzt – dem Ensemble der Städtischen Bühnen Gelsenkirchen an – als „Urkomödiant“, wie es heißt.

Von Wolfgang Blieffert

Ljuba Senderowna, Opernsängerin

Ljuba Senderowna, Opernsängerin

Die Hetze gegen sie führte die nationalsozialistische „Hessische Volkswacht“ an. Senderowna sei jüdische Polin gewesen, habe später die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen: „Der Eindruck im Staatstheater ist der, dass sie niemals versucht hat, sich in das deutsche Ensemble einzureihen, sondern ihre rein äußerlich besonders stark auffällige Rassefremdheit immer noch hervorhob und betonte“, schrieb die Volkswacht. Angesichts der permanenten Anfeindungen und der Gefahr öffentlicher Störungen setzte Intendant Klitsch sie nicht mehr ein. Weil der Altistin nahegelegt worden war, das Theater zu meiden, da sie andernfalls durch die berüchtigte SA, die Sturmabteilung der Nazi-Partei NSDAP, entfernt werden würde, begab sich Ljuba Senderowna zunächst nach Berlin und später nach Amerika. Dort sang sie in den 30er- und Anfang der 40er-Jahre noch an der Oper in Philadelphia, dann – so Historiker Sven Fritz – verliert sich ihre Spur.

Werner Seelig-Bass, Kapellmeister

Werner Seelig-Bass, Kapellmeister

Die Kündigung gegen ihn musste zunächst zurückgezogen und in eine Beurlaubung bis zum Ende der Spielzeit umgewandelt werden. Er verließ Kassel, wurde 1935 aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen und konnte nur noch im Kulturghetto des Jüdischen Kulturbundes tätig sein.

1938 emigrierte er in die USA, wo ihm ein neuer Karrierestart gelang. Als gefragter Dirigent ging er in den 60er-Jahren mehrfach auf Konzertreisen in alle Welt, seit 1965 lehrte er an Universitäten und Colleges. 1988 starb er in Fleischmanns im Staat New York.

Dr. Franz Mirow, Dramaturg

Dr. Franz Mirow, Dramaturg

Auch gegen Mirow wurde in typisch antisemitischer Weise gehetzt: Die Hessische Volkswacht nannte ihn Mirauer, einen Mann, um den „ein gewisses Dunkel“ schwebe. Die rechte Hand des Intendanten sei als „Artfremder an einer solchen Stelle einer deutschen Bühne eine Provokation“. Am 25. März wurde er beurlaubt. Weil Mirow seine Lage in Kassel als bedrohlich einschätzte, verließ er die Stadt. Da ihm als Juden später nur die Betätigung im Jüdischen Kulturbund möglich war, wirkte er in dessen Gastspiel-Ensemble mit. Am 17. Mai 1943 wurde er zusammen mit Ehefrau Gertrud und der vierjährigen Tochter Tana ins KZ Theresienstadt verschleppt. Ein Jahr später kam die Familie nach Auschwitz, wo alle drei ermordet wurden.

Die anderen Vertriebenen:

• Sänger Santo Hornblass starb 1981 in São Paulo, sein Kollege Fritz Hintz-Fabricius 1968 in Wien, Oberspielleiter Fritz Schröder 1973 in Maierhofen, Kapellmeister Felix Oberhoffer 1942 in Kassel. • Von Bühnenbildner Heinz Helmdach ist ein Todesdatum unbekannt, ebenso wie bei Kapellmeister Eduard Hartog, der 1934 als sogenannter Halbjude entlassen wurde.

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