Attackierte Studentin: „Um mein Leben geschrien“ - Bewährungsstrafe für Angeklagten

Kassel. „Ich dachte sofort, der will mich vergewaltigen und mir mein Leben ruinieren“, schilderte die 28-jährige Studentin vor dem Amtsgericht. „Du musst alles tun, um das zu verhindern, habe ich gedacht. Ich habe um mein Leben geschrien.“

Nicht wegen versuchter Vergewaltigung, sondern wegen einfacher Körperverletzung in Tateinheit mit Nötigung ist gestern ein 50-jähriger Mann aus dem Schwalm-Eder-Kreis zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten und einer Geldstrafe von 2500 Euro verurteilt worden.

Einzelrichterin Claudia Schiborr sah es als erwiesen an, dass der Mann am 3. Dezember 2010 nach einem Besuch des Weihnachtsmarktes im alkoholisierten Zustand die junge Frau auf dem Fußweg zwischen der documenta-Halle und Hessenkampfbahn angegriffen hat.

Das Gericht schenkte der Schilderung des Opfers Glauben: Der Mann habe ihr von hinten die Hand auf den Mund gelegt und sie ins Gebüsch gezerrt. Sie habe sich gewehrt und versucht, ihn in die Hand zu beißen, damit sie um Hilfe schreien kann. Angreifer und Opfer rollten zusammen die Böschung herunter.

Dass der Mann die Studentin vergewaltigen wollte, dafür hätten dem Gericht allerdings keine Beweise vorgelegen. „Ich gehe zu seinen Gunsten davon aus, dass er vorher freiwillig von der Frau abgelassen hat“, sagte die Richterin. Sie nahm dem Angeklagten nicht ab, dass er sich an gar nichts mehr erinnern könne. Bei einer Blutentnahme war bei ihm ein Wert von 1,29 Promille festgestellt worden. Im Vergleich zu anderen Fällen sei das relativ gering.

Der Angeklagte ohne Erinnerung hatte beteuert, dass er sonst höchstens mal ein Bier, aber nie Schnaps trinke. Der Weihnachtsmarktbesuch mit zwei Kollegen sei eine Ausnahme gewesen: Dort habe er neben Bier auch acht bis zwölf Schnäpse konsumiert und sich anschließend in Kassel verirrt.

Dass der Angeklagte an dem Abend stark alkoholisiert war, das sagte auch ein 32-jähriger Krankenpfleger aus, der damals dem Opfer zur Hilfe eilte. Der 32-Jährige war gegen 20.50 Uhr auf dem Rad unterwegs, als er am Parkplatz des Kulturzelts Schreie wahrnahm. Er habe mehrfach Hilferufe gehört, sagte der Zeuge. In Höhe der Hessenkampfbahn habe er dann gesehen, wie sich etwas im Gebüsch bewegte. „Hallo, braucht hier jemand meine Hilfe?“ habe er in Richtung Gebüsch gerufen, sagte der Zeuge. Dann habe er die Frau und den Angeklagten gesehen. „Der ist durch mich wahrscheinlich aufgeschreckt und hat von ihr abgelassen.“

„Zügig geschwankt“

Diese Szene war der „Knackpunkt“ für die Richterin. Es stehe nicht fest, ob der Angeklagte erst durch das Auftauchen des Krankenpflegers von dem Opfer abgelassen habe. Es sei gar nicht sicher, dass der Angeklagte den Zeugen überhaupt wahrgenommen habe. Der Krankenpfleger schilderte, dass der Angreifer an ihm vorbei in Richtung Regierungspräsidium „zügig geschwankt“ sei. Er habe noch „Halt die Fresse“ und einen Satz mit dem Wort „Schlampe“ gesagt.

Für den Angeklagten spreche auch, so die Richterin, dass er keine Vorstrafen habe.

Nebenkläger forderte Anklage wegen des Verdachts der versuchten Vergewaltigung

So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagte Anwalt Knuth Pfeiffer, der das 28-jährige Opfer in der Nebenklage vertritt. Pfeiffer hatte während der Verhandlung vor Richterin Claudia Schiborr beantragt, das Verfahren gegen den Angeklagten vor ein Schöffengericht zu verweisen. Grund: Nach Ansicht des Vertreters der Nebenklage muss sich der Angeklagte wegen des Verdachts der versuchten Vergewaltigung verantworten. Dabei handelt es sich um ein Verbrechen, und deshalb wäre ein Schöffengericht zuständig gewesen. Auch Amtsanwalt Andreas Wildung, Vertreter der Staatsanwaltschaft, sagte gestern, dass das „Verfahren an sich unglücklich verlaufen“ sei.

„Ich denke, wir sitzen hier in einer falschen Konstellation. Es wäre richtig gewesen, wenn ein versuchtes Sexualdelikt angeklagt worden wäre.“ Dass es nicht dazu gekommen ist, liegt offenbar an dem ermittelnden Staatsanwalt. Der war nämlich zu dem Ergebnis gekommen, dass die 28-jährige Frau am 3. Dezember 2010 nicht Opfer eines Sexualverbrechens geworden ist. Die Staatsanwaltschaft hatte deshalb ursprünglich auch nur einen Strafbefehl von 90 Tagessätzen für den Angeklagten gefordert, wegen einfacher Körperverletzung in Tateinheit mit Nötigung. „Nach Aktenlage gab es keine ausreichenden Anzeichen für eine versuchte Vergewaltigung“, erklärte Dr. Götz Wied, Sprecher der Staatsanwaltschaft Kassel, auf Anfrage.

Amtsanwalt Wildung sah das in seinem Plädoyer anders. Er sei überzeugt, dass der Angeklagte die Frau angegriffen habe, um eine sexuelle Befriedigung zu finden. Raub oder der Wunsch, der Frau einfach nur wehzutun, würden als Motiv nicht vorliegen. Wildung ging zudem darauf ein, welche gravierend seelischen Verletzungen der Mann der Frau neben den körperlichen Blessuren im Gesicht und an den Beinen zugefügt habe. Richterin Schiborr lehnte die Verweisung des Verfahrens an ein Schöffengericht ab. „Es gibt keinen hinreichenden Tatverdacht für eine versuchte Vergewaltigung.“ Gleichzeitig machte sie aber das Opfer darauf aufmerksam, dass dies nicht das letzte Wort in dem Verfahren sein müsse. Auch die Nebenklägerin kann Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen. (use)

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