Gewaltverbrechen in der Jägerstraße

Versuchter Totschlag am Stern in Kassel: Angeklagter gesteht Bluttat

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Ein Kraftpaket auf der Anklagebank: Der gebürtige Algerier war einmal Mitglied des spanischen Judo-Nationalkaders, bevor die Drogen seine sportliche Karriere beendeten. Links der Arabisch-Dolmetscher, dahinter Verteidiger Jan Hörmann. 

Kassel. Mit einem Geständnis des 28 Jahre alten Angeklagten hat gestern der zweite Prozesstag zum versuchten Totschlag in der Jägerstraße vor der 6. Strafkammer des Landgerichts begonnen.

Verteidiger Jan Hörmann räumte im Namen seines Mandanten die Tat so ein, wie sie von der Staatsanwaltschaft angeklagt worden war. „Es tut ihm leid, dass es so gelaufen ist“, sagte Hörmann. Sein Mandant habe bei der Tat unter starkem Drogeneinfluss gestanden und die Situation verkannt.

Am Nachmittag des 20. Mai 2017 hatte der türkische Besitzer eines Cafés an der Jägerstraße den Angeklagten aufgefordert, das Dealen mit Drogen vor seinem Café zu unterlassen. Daraufhin zog der ein Messer und fügte dem 38-Jährigen drei Schnittwunden an Hals, Wange und Arm zu. Anschließend soll er den Verletzten und zu Hilfe eilende Freunde mit Pfefferspray und Schüssen aus einer Gaspistole abgewehrt haben.

Polizei kam wegen Schießerei und Messerstecherei

Am Montag sagten die Streifenpolizisten aus, die wegen einer Schießerei und Messerstecherei alarmiert wurden und die wenige Minuten nach der Tat in der Jägerstraße eingetroffen waren. Ihnen bot sich danach ein chaotisches Bild: 50 bis 60 meist dunkelhäutige, der deutschen Sprache meist nicht mächtige Männer seien wild durcheinander gelaufen. Einige boten sich als Zeugen an. Andere bedrängten hochemotional die Polizisten. „Wir haben fast 30 Minuten gebraucht, hier überhaupt erst mal für Ruhe zu sorgen und den Tatort absichern zu können“, sagte einer der Beamten.

In dieser Zeit kümmerte sich ein zufällig anwesender Arzt um den schwerverletzten Türken, der inzwischen auf dem Gehsteig vor seinem Café zusammengebrochen war. Der Arzt stoppte die Blutung und rettete dem Verletzten so wohl das Leben. „Es hat 28 Minuten gedauert, bis der Rettungswagen kam. Und das in Deutschland!“, klagte der Gastronom gestern als Zeuge und Nebenkläger.

Mit dem Angeklagten, einem in Algerien geborenen Spanier, sei er schon früher aneinander geraten, weil der immer vor seinem Café mit Drogen deale und seine Kunden verängstige. „Geh weg, mach’ deine Geschäfte irgendwo anders“, habe er zu dem Angeklagten gesagt, der gleich das Messer gezogen und zugestochen habe.

Auch wenn der Angeklagte keine Fragen zur Tat zuließ, äußerte er sich doch zu seinem Lebenslauf. Er sei in Algerien geboren und mit 14 nach Spanien gekommen, wo er einen Schulabschluss erreichte und nach seiner Einbürgerung Mitglied der spanischen Judo-Nationalmannschaft geworden sei.

Dort flog er aber bald heraus, als er mit Drogen und Alkohol begann. 2014 kam der gelernte Schweißer nach Deutschland, war als Zeitarbeiter bei VW beschäftigt.

Von Richter Volker Mütze verlesene Gutachten verwiesen auf täglichen Konsum von Kokain und Crack sowie eine hohe Alkoholgewöhnung. Die nahe des Tatorts gefundenen Patronenhülsen waren mit großer Wahrscheinlichkeit in der Gaspistole des Angeklagten abgefeuert worden.

Rückblick: Die Tat am Stern im Mai 2017

Die Tat hatte sich am 20. Mai 2017 gegen 15.20 Uhr im Bereich der Jägerstraße und damit in der Nähe des Sterns ereignet. Laut Polizei wurde dabei ein 38 Jahre alter Mann mit einem Messer schwer verletzt. 

Tatort Jägerstraße: Im Mai 2017 kam es in einem Café zu einer Bluttat. 

Der Mann brach schließlich vor dem Café Firat zusammen, dessen Betreiber er ist. Eine Notoperation im Klinikum rettet ihm das Leben. Rund um den Stern kommt es immer wieder zu spektakulären Gewalttaten bis hin zu Schießereien und Messerstechereien, die sich oft zwischen arabischen und türkischen Beteiligten abspielen und in denen es meist um Drogengeschäfte geht. Auch der Angeklagte im laufenden Prozess war hier bereits in eine Schießerei verwickelt und wurde durch einen Messerstich an der Hüfte verletzt. Die Polizei reagiert auf die zunehmende Kriminalität mit vielen Razzien.

  • Das Verfahren wird am Mittwoch, 18. April, um 9 Uhr fortgesetzt. Ob nach dem Geständnis noch alle Verhandlungstage bis Ende Mai nötig sind, ist offen.

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