Flakstellung in Süsterfeld sollte auf feindliche Beobachter schießen – Im letzten Moment korrigiert

Verteidigung im Zweiten Weltkrieg: Den Herkules schon im Visier

Kassel. Es ist eine unglaubliche Geschichte, die August Eugen Cöster (83) bisher mit sich herumgetragen hat. Jetzt will er sie loswerden. Um ein Haar hätte er vor 66 Jahren in den letzten Kriegstagen den Herkules mit einer Granate aus seinem Flakgeschütz zerstört. „Ich hatte ihn schon im Visier, als der neue Befehl kam“, sagt er.

Cöster war Anfang 1945 als 16-Jähriger aus der Schreinerlehre heraus noch eingezogen worden. Eigentlich hatte man den kleinen und schwächlichen Jungen aus Breuna (Landkreis Kassel) schon einmal ausgemustert. Jetzt musste er zusammen mit dem letzten Aufgebot doch noch ran. Und zwar an einem von acht Flakgeschützen, die in Kassel unterhalb der Dönche stationiert waren. „Das war in einer ehemaligen Lehmkuhle in Süsterfeld auf dem Gelände, wo heute die Fridtjof-Nansen-Schule ist“, sagt Cöster.

Mehr zum Herkules erfahren Sie im RegioWiki.

Die schwere Flakbatterie war Teil der immer löchrigeren Luftabwehr gegen die amerikanischen und britischen Bomber. Ganz junge Helfer wie August Eugen Cöster bedienten sie in den letzten Kriegstagen zusammen mit russischen Kriegsgefangenen unter dem Kommando eines nicht mehr fronttauglichen Soldaten. Die Kanone hatte einen Durchmesser von 8,8 Zentimetern. Entsprechend große Granaten mit erheblicher Sprengkraft wurden geladen.

Der Kommandant der Flakbatterie gab den Befehl. An den Wortlaut kann sich Cöster heute noch erinnern: „Geschütz Emil: Feindlicher Beobachter auf dem Herkules. Herkules anrichten und mit Aufschlaggranate laden.“ Die acht Geschütze hatten Buchstaben von A bis H. E wie Emil stand für die Flak von August Eugen Cöster.

Den „feindlichen Beobachter“ gab es wahrscheinlich wirklich, die Amerikaner waren Anfang April 1945 bereits in Großenritte und rückten auf Kassel vor. Das Flakgeschütz war schon schussbereit, als sich der Kommandant korrigierte: „Befehl zurück, Bismarckturm anrichten, Feuer frei!“ Sekunden später waren Rauchwolken von den Granatenaufschlägen am Bismarckturm zu sehen. Der wurde schwer beschädigt. Es hat nach dem Krieg viele Jahre gedauert, bis der Turm wieder repariert war.

Warum der Kommandant das Ziel des Flakbeschusses im letzten Moment wechselte, weiß August Eugen Cöster bis heute nicht. Wahrscheinlich sei der erste Befehl schlicht ein Irrtum gewesen. Cöster, der viele Jahre als Wanderführer rund um Kassel und Breuna aktiv war, ist jedenfalls froh, dass der Herkules stehen blieb. Es war knapp.

Von Thomas Siemon

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.