Vertrauen zu Eltern schaffen

Genitalbeschneidung: Einwandererfamilien sollen über Verbot informiert werden

Information über die hohen Risiken: Zwei Mädchen bei einer Aufklärungsveranstaltung in Kenia neben einem alten Messer, das für die traditionelle Beschneidung von Mädchen benutzt wird. Archivfoto: nh

Kassel. „Wenn es um das Thema weibliche Genitalbeschneidung geht, ist Aufklärung in jede Richtung das A und O", sagt Ines Wagemann. Sie ist Kinderschutzfachkraft der Abteilung Kindertagesbetreuung beim Kasseler Jugendamt.

Mit einer Aufklärungskampagne will die Stadt Kassel weiblichen Einwanderern und Flüchtlingen jetzt helfen. „Wir wollen mit der Kampagne in erster Linie informieren. Auch uns war nicht allen bewusst, wie verbreitet weibliche Genitalbeschneidung ist.“

Wichtige Voraussetzung für ein verändertes Bewusstsein sei es, ein Vertrauensverhältnis zu den betroffenen Familien aufzubauen, sagt Wagemann. In den Kitas bestehe dieses benötigte Vertrauen zwischen Eltern, Kindern und Erzieherinnen in der Regel. Erste Erfahrungen im Kampf gegen die Genitalverstümmelung stimmten zuversichtlich. So erzählt Wagemann beispielsweise von einem Gespräch, zu dem eine Einwandererfamilie eingeladen worden war, weil sich Kita-Mitarbeiter um deren zwei kleine Töchter Sorgen machten. Zunächst sei nur der Familienvater erschienen.

„Nach einer Weile hat es die Mutter der Mädchen gewagt auszusprechen, dass sie keine Beschneidung ihrer Töchter wünsche.“

Auf Bitten der Jugendamtvertreter war beim zweiten Termin schließlich auch die Ehefrau dabei. Im Gespräch sei deutlich geworden, dass das Paar aus dem Ausland wenig informiert und davon ausgegangen war, alle Frauen, auch in Deutschland, seien beschnitten, erzählt Wagemann: „Nach einer ganzen Weile hat es die Mutter der Mädchen gewagt auszusprechen, dass sie keine Beschneidung ihrer Töchter wünsche.“

Viele, vor allem jüngere Paare, die von einer Beschneidung ihrer Töchter Abstand nehmen wollen, sich aber nicht trauen, die kulturelle Tradition zu brechen, benötigten Rückendeckung, sagt der Gynäkologe Dr. Christoph Zerm aus Herdecke. Ihnen helfe oft das Argument, dass die Praxis in Deutschland verboten ist und schwer bestraft wird, so Zerm. Deshalb müsse aufgeklärt werden.

„Je mehr Menschen über die gesundheitlichen und psychischen Folgen dieser Form der Körperverletzung Bescheid wissen, desto größer ist die Chance, Frauen und Mädchen zu helfen und eine Ablehnung der Praktiken zu erreichen“, sagt auch Dezernentin Anne Janz (Grüne). In Kassel beschäftigten sich verschiedene Arbeitskreise und Gruppen mit dem Thema. Um über Genitalbeschneidung und Ansätze zur Bekämpfung zu sprechen, hatte es bereits im November eine gut besuchte Veranstaltung gegeben, bei der eine Referentin der Organisation „Frauenrecht ist Menschenrecht“ aus Frankfurt berichtete. Weitere Veranstaltungen für pädagogisches und medizinisches Personal sind geplant.

Beratung für Betroffene und Fachkräfte bietet auch der Verein Mädchenhaus Kassel an. Dezernentin Janz: „Wir planen weitere Schritte mit Blick auf das Wohl und die Gesundheit von Mädchen und Frauen in Kassel.“

Information: Hilfe für Frauen und Mädchen

In Kooperation mit dem Kinderschutzbund werden verschiedene Aktionen stattfinden, um Mittel für helfende Organisationen zu sammeln. Ein Beispiel dafür sind laut Ines Wagemann die bunten, unter anderem aus Südafrika stammenden Halsketten und Armbänder, die für 15 Euro pro Stück erhältlich sind. Kleine, neonfarbene Schleifen daran kennzeichnen sie als Spendenketten und machen damit auf Beschneidung und Verstümmelung von Mädchen und Frauen aufmerksam. Kontakt: ines.carola.wagemann@googlemail.com

Betroffene Frauen, die medizinische Hilfe benötigen, können sich an die Kasseler Gynäkologin Nora Szàsz, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, wenden:

Goethestraße 47 in Kassel,

Telefon: 05 61 / 77 30 51

oder per E-Mail unter:
szasz@frauenaerztinnen-kassel.de

Hintergrund: Weltweit 140 Millionen betroffene Frauen

Weltweit gibt es Schätzungen zufolge 140 Millionen von Genitalverstümmelung betroffene Mädchen und Frauen. Tägliche Praxis ist sie in einigen afrikanischen und asiatischen Ländern, beispielsweise in Ägypten, Eritrea und Somalia, wo nach Angaben von Terre des Femmes mehr als 90 Prozent aller Frauen beschnitten sind.

Seit 15 Jahren wird der 6. Februar als internationaler Tag „Null Toleranz gegen weibliche Genitalverstümmelung“ begangen. Damit wollen die Vereinten Nationen unter anderem darauf hinweisen, dass diese Form traditionsbedingter Gewalt an Mädchen und Frauen lebenslange gesundheitliche und psychische Folgen haben kann. Viele Betroffene sind traumatisiert, leiden unter Schmerzen beim Wasserlassen, bei der Menstruation und beim Geschlechtsverkehr. Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt können ebenfalls Folgen sein. In Deutschland ist die Verstümmelung weiblicher Genitalien strafbar. Um eventuellen Strafen zu entgehen, reisen manche Einwanderer ins Ausland, beispielsweise nach Saudi-Arabien, um hier ihre Töchter beschneiden zu lassen. (chr)

www.frauenrechte.de

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