Interview zur sozialen Landwirtschaft mit Witzenhäuser Forscher Thomas van Elsen

Vertrauen liegt auf dem Acker

Witzenhausen. Auf einem Bauernhof werden nicht nur Lebensmittel produziert, er kann auch Ort der Bildung und sozialen Arbeit sein. Mit diesem Thema beschäftigt sich die 19. Witzenhäuser Konferenz. Wir sprachen mit Dr. Thomas van Elsen, der die studentischen Organisatoren der Konferenz betreut.

Dr. van Elsen, wenn Sie über Landwirtschaft nachdenken, dann geht es nicht darum, wie der Bauer den Acker effektiver bestellen kann. Wozu kann ein Hof denn noch dienen?

Dr. Thomas van Elsen: Ein Bauernhof kann auch gut als Ort für Therapie und Sozialarbeit dienen. Menschen mit Behinderung oder Suchtproblemen, aber auch Jugendliche, die straffällig geworden sind oder Schwierigkeiten beim Lernen haben, können dort gut betreut werden.

Was kann ein Bauernhof diesen Menschen bieten?

van Elsen: Das Arbeiten mit und in der Natur, bei Wind und Wetter, hat etwas Sinnstiftendes. Wer auf dem Acker arbeitet, kann das Ergebnis seiner Mühe unmittelbar sehen. Wer Tiere pflegen muss, übernimmt Verantwortung für ein Lebewesen. Das schafft Selbstvertrauen.

Wie können Bauernhöfe außerdem noch soziale Arbeit leisten?

van Elsen: Eine wichtige Aufgabe kommt Schulbauernhöfen zu. Die gibt es zum Beispiel in Oberrieden bei Bad Sooden-Allendorf und in Hardegsen. Dort lernen jedes Jahr Hunderte Kinder den Umgang mit der Natur kennen, ernten Kartoffeln, backen Brot und produzieren Käse. Dazu haben Kinder immer seltener Gelegenheit, und der Besuch auf dem Bauernhof schärft ihr Bewusstsein für die Umwelt.

Was haben Landwirte davon, auf ihrem Hof derartige Angebote zu integrieren?

van Elsen: Diese Form der Multifunktionalität kann sich durchaus zur weiteren Einnahmequelle neben der Produktion entwickeln. Besonders Höfe, die ökologischen Landbau betreiben, eignen sich, weil dort mehr Handarbeit anfällt. Durch zusätzliche Arbeitskräfte kann eine Win-win-Situation für Landwirt und Betreute entstehen.

Sie haben die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Soziale Landwirtschaft gegründet. Welche Ziele verfolgen Sie?

van Elsen: In Deutschland gibt es diese Form des Landbaus noch zu selten. Uns geht es darum, soziale Landwirtschaftsbetriebe und Interessenten in Kontakt zu bringen und zu vernetzen. In Franken, Thüringen und Brandenburg haben wir bereits regionale Netzwerke gegründet. In unserer Region sind wir noch nicht so erfolgreich.

Woran liegt das?

van Elsen: Solche Netzwerke brauchen immer einzelne Personen, die bereit sind, sich zu engagieren. In Hessen haben wir solche Vorreiter noch nicht gefunden. Dabei gibt es einige Höfe, die sich mit sozialer Arbeit hervortun. Im Rahmen unserer Konferenz haben wir zum Beispiel das Hofgut Richerode bei Jesberg besucht, wo Menschen mit Behinderung in der Landwirtschaft arbeiten, sowie den Hof Hauser in Wolfhagen, der Kindern mit schwierigem familiärem Hintergrund ein Heim bietet.

Mehr im Internet: www.soziale-landwirtschaft.de

Von Marcus Janz

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