Immer mehr demenzerkrankte alte Menschen in den Allgemeinkrankenhäusern

Immer mehr demenzerkrankte alte Menschen in den Allgemeinkrankenhäusern

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Den an Demenz erkrankten Patienten an die Hand nehmen: Viele Fachleute setzen sich für demenzfreundliche Allgemeinkrankenhäuser ein.

Kassel. Auch in den Krankenhäusern unserer Region macht sich das zunehmende Alter der Bevölkerung bemerkbar. Allein in Kassel sind mehr als 13 000 Menschen (von rund 194.000) älter als 80 Jahre. Und häufig bringt das Alter Erkrankungen wie Demenz mit sich.

Doch die Allgemeinkrankenhäuser sind auf ältere Patienten mit psychischen Störungen in der Regel nicht eingestellt, mahnen Fachleute. Mit diesem Thema beschäftigt sich deshalb auch eine Tagung des Fördervereins am Christlichen Bildungsinstitut für Gesundheitsberufe am kommenden Mittwoch.

Ein Beispiel macht die Problematik deutlich: Herbert K., der zu Hause von seiner Frau betreut wird, kommt wegen des Verdachts auf einen Herzinfarkt ins Krankenhaus. In eine fremde Umgebung, mit fremden Menschen und ungewohnten Tagesstrukturen. Der an Demenz erkrankte 78-Jährige versteht nicht, wo er ist, warum er sich im Krankenhaus befindet und was als Nächstes geschieht. Das ihm servierte Essen rührt er nicht an, er verlässt das Bett, weil er den Weg nach Hause sucht, widersetzt sich Untersuchungen und Behandlungen, weil er deren Notwendigkeit nicht begreift. „Dies führt zunehmend zu einer Verwirrtheit und auch Aggressivität des Patienten“, beschreibt der Psychiater Dr. Christoph Schmid, Ärztlicher Leiter der Gerontopsychiatrie (Psychiatrie für ältere Menschen) der Vitos Klinik Kurhessen in Bad Emstal.

In der Regel gebe es in Allgemeinkrankenhäusern keine besondere Struktur, die solche Patienten auffängt, sagt Schmid. „Es bräuchte ein demenzfreundliches Krankenhaus.“ Pflegepersonal zu schulen, reiche dafür nicht aus, sagt der Experte. Denn die Betreuung demenzerkrankter Patienten sei zeitintensiv. Beim Warten auf Untersuchungen zum Beispiel brauchen verwirrte Patienten jemanden, der ihnen immer wieder den Ablauf erklärt.

Auf Intensivstationen sei die Situation demenzerkrankter Patienten besonders dramatisch, weil hier wegen der Rundum-Notfallversorgung Alltagsstrukturen gänzlich fehlen. „Das irritiert Patienten mit Demenz erheblich“, sagt Schmid. Verwirrtheitszustände nehmen in solchen Situationen dramatisch zu. Wenn, wie zum Beispiel bei einem Oberschenkelhalsbruch, Traumatisierungen durch Verletzungen, Narkose, Blutverlust und lange Operationen hinzukommen, könne dies den psychischen Zustand des Patienten dramatisch verschlechtern.

Ein Lösungsansatz könne die Einstellung von geschulten Hilfskräften, ähnlich wie den Alltagskräften in Altenpflegeeinrichtungen, sein. Rezeptionen mit Ansprechpartnern könnten den Patienten auf den einzelnen Stationen Orientierung bieten, ebenso einfache und gut lesbare Schilder sowie barrierefreie Zugänge zu den Einrichtungen. Wichtig sei vor allem die Unterstützung und Einbeziehung von Angehörigen und Freunden.

Von Martina Heise-Thonicke

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