Mangels moderner Ausstattung

Viel Handarbeit: So arbeitet die Bußgeldstelle des RP

+
Weil Computerprogramme nicht aufeinander abgestimmt sind, muss Hannelore Graf die Messdaten der polizeilichen Blitzer-Fotos alle per Hand in ihren Computer eingeben. Mit dabei ist Teamleiter Christian Hess.

Kassel. Wenn Hannelore Graf die Filme aus Blitzgeräten sichtet, hat sie gut zu tun. Bis zu 600 Fotos gehen innerhalb eines Arbeitstages durch ihre Hände. In der Bußgeldstelle des RP wird noch viel manuell gemacht.

Die Filme werden via Dienstpost von der Polizei in ihr Büro in der Zentralen Bußgeldstelle des Regierungspräsidiums an der Fünffensterstraße geschickt – auf DVD mitsamt der Mess-Protokolle.

Weil beide Behörden verschiedene Computerprogramme benutzen, muss Graf alle Daten einzeln in ihren Rechner neu eingeben. Dabei prüft sie zugleich die Qualität der Bilder und ob die Protokolle logische Fehler enthalten. Sie kann sich gut vorstellen, dass da mal Übertragungsfehler passieren. Zwei ihrer Kollegen hatten im Juni und Juli das Pech, im August ein Sachbearbeiter.

Lesen Sie auch:

- Per Hand bearbeitet: 938 Euro Bußgeld wegen eines Tippfehlers

- Blitzer-Panne: 320 Raser betroffen, Verfahren trotzdem korrekt

- Immer mehr Blitzer-Pannen werden bekannt: Raser kam davon

- Blitzer-Pannen: Zahlendreher mit Folgen

1,5 Millionen Anzeigen gehen jedes Jahr in der Bußgeldstelle Kassel ein, rund 180 Mitarbeiter kümmern sich darum. Genau hinschauen muss auch Karin Schottes, die sich mit drei weiteren Kolleginnen um die handschriftlich eingegangenen Anzeigen der Ordnungsbehörden kümmert – 400.000 im Jahr. Auch hier sind Fehler geradezu programmiert. Oft lassen sich Zahlen auf den kleinen Zetteln nicht richtig lesen. Täglich muss Schottes telefonisch nachfragen, weil Infos fehlen.

Erst langsam werden die Anzeigen-Zettel durch elektronische Verfahren ersetzt – wie jüngst die neue Smartphone-Software, mit der Polizisten Verkehrssünden gleich an Ort und Stelle digital erfassen und direkt an die Bußgeldstelle übermitteln können.

Bernhard Steinbach, stellvertretender Leiter der Bußgeldstelle, wartet nur auf das elektronische Zeitalter. „Denn jeder Medienwechsel stellt eine Fehlerquelle dar“, sagt er. „Und wenn Fehler erst einmal im System sind, fallen sie oft nicht mehr auf.“

Vieles laufe inzwischen vollautomatisch – aber eben nicht alles. So werden alle per Hand eingegebenen Daten von der Software „Owi21“ weiterverarbeitet und gegebenenfalls ergänzt – zum Beispiel durch Angaben zum Fahrzeughalter oder bereits begangene Verkehrssünden. „Owi21“ ist dabei komplett mit dem Rechner des Bundeszentralregisters vernetzt. Erst nach dieser elektronischen Prüfung werden die Daten wiederum von einem Sachbearbeiter der Bußgeldstelle gesichtet und die Höhe des Bußgeldes festgesetzt. Auch hier können Fehler passieren, wie jüngst der Fall mit dem 938-Euro-Strafzettel. Das Verschicken der Verwarnungen mitsamt der Anhörungsbögen erfolgt dann wiederum vollautomatisch.

„Wir erwirtschaften für das Land Hessen etwa 70 Millionen Euro an Bußgeldern pro Jahr. Aber wir profitieren davon am wenigsten“, sagt Steinbach, für den die Modernisierung seiner Behörde zu einem ernsten Anliegen geworden ist. Auch deshalb, weil er weiß: „Wenn wir Fehler machen, sind wir in der Öffentlichkeit schnell der Buhmann. Wir können Fehler aber nur minimieren, wenn wir moderner ausgestattet sind.“

Von Boris Naumann

Aus dem Archiv

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.