Kassels Sozialdezernentin zweifelt an Erklärung der Polizei

Viel mehr Einbrüche in Kassel: Sind es wirklich Junkies?

Kassel. Die Zahl der Wohnungseinbrüche in Stadt und Landkreis Kassel ist im vergangenen Jahr drastisch angestiegen. In der Stadt haben sich die Einbrüche auf 715 Fälle fast verdoppelt, im Landkreis gab es es einen Anstieg um 70 Prozent auf 332 Fälle.

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Die Polizei hatte bei der Präsentation der Kriminalstatistik eine Erklärung für diese rasante Entwicklung: Die Bekämpfung der Drogenkriminalität und die Zunahme der Kontrollen unter Süchtigen hätten einen Anstieg der Beschaffungskriminalität zur Folge. Würden einem Abhängigen die illegalen Drogen abgenommen, müsse er sich irgendwo Geld für neue besorgen. Die Zahl der Rauschgiftdelikte habe sich in der Stadt von 930 Fällen (2010) auf 1072 im vergangenen Jahr erhöht, sagt Polizeidirektor Uwe Papenfuß.

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Sozialdezernentin Anne Janz (Grüne) stimmt dieser Theorie der Polizei nicht zu. „Aus kommunaler Sicht können wir das nicht bestätigen.“ Die Drogenproblematik in Kassel habe sich durch Kontrollen am Lutherplatz nicht verschärft und die Szene sei auch nicht größer geworden. Janz geht von 1000 bis 1500 Konsumenten illegaler Drogen in der Region aus. Der Anstieg der Einbrüche sei möglicherweise auch auf die Personalknappheit bei der Polizei zurückzuführen, mutmaßt Janz.

Papenfuß kontert: 56 Prozent der Tatverdächtigen bei Wohnungseinbrüchen stammten aus dem Drogenmilieu. „Unsere Kunden vom Lutherplatz sind aber nicht zwingend die Wohnungseinbrecher.“ Nicht alle Abhängigen, die der Beschaffungskriminalität nachgingen, hielten sich im öffentlichen Raum auf.

Suchtkranke kämen nur aus der Illegalität heraus, wenn ihre Krankheit behandelt werde, sagt der Kasseler Arzt, Autor und Suchtspezialist Dr. Bernd Weber. In seiner Praxis betreut er etwa 100 der 550 Patienten, die in Kassel Ersatzdrogen bekommen.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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