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Viel Polizei, wenige „Querdenker“: Bilanz des Demo-Samstags

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Von: Matthias Lohr, Bastian Ludwig

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Szenen vom Demo-Samstag: 300 „Querdenker“ zogen durch die Stadt.
Szenen vom Demo-Samstag: 300 „Querdenker“ zogen durch die Stadt. © Andreas Fischer

Kassel – Szenen vom 20. März 2021 haben sich am Wochenende nicht wiederholt. Ein Jahr nachdem 20 000 „Querdenker“ trotz Verbots durch Kassel gezogen waren, demonstrierten am Samstag nur 200 Teilnehmer auf der Schwanenenwiese gegen die Corona-Maßnahmen.

Kassel- Am anschließenden Umzug durch die Stadt beteiligten sich laut Polizei 300 Menschen. Weil auch mehrere Gegendemos angemeldet waren, war die Polizei mit großer Präsenz vertreten. Eindrücke eines erneut ungewöhnlichen Tages.

Die Bilanz

Die wichtigste Erkenntnis vom Samstag lautet: Alles verlief friedlich. Dies macht auch ein Satz aus der Mitteilung der Polizei deutlich: „Die Polizei verzeichnete einen ruhigen Verlauf und musste bei insgesamt niedrigen Teilnehmerzahlen vorwiegend zur Regelung des Verkehrs tätig werden.“

Im Vorfeld hatten die „Freien Bürger Kassel“ nur mit einer niedrigen vierstelligen Teilnehmerzahl gerechnet. Es kamen jedoch deutlich weniger Menschen, die gegen die Corona-Maßnahmen protestierten. Zwei der vier Gegendemos wurden kurzfristig abgesagt – allein bei einer von ihnen hatten die Anmelder 5000 erwartete Teilnehmer angegeben. Ordnungsdezernent Dirk Stochla zeigte sich irritiert: „Von Seiten der Anmelder mit kurzfristiger Absage, ohne Angaben von Gründen, dann das Ganze wie einen Jux erscheinen zu lassen, ist äußerst ärgerlich.“

Die Polizei

Als im vorigen Sommer zwei Groß-Demos der „Querdenker“ angekündigt waren, verhinderten mehrere Tausend Polizisten die Veranstaltungen. Wie viele Beamte nun im Einsatz waren, wird nicht kommuniziert. Es waren vermutlich ähnlich viele. Sie kamen auch diesmal aus vielen Bundesländern. Viele waren in der City im Einsatz. Die meisten Menschen auf der Königsstraße waren nur zum Einkaufsbummel in der Stadt, wunderten sich über das Polizeiaufgebot. Der Friedrichsplatz war gesäumt von Mannschaftswagen.

Die Linke

Auf dem Opernplatz, wo die Kasseler Linke eine Gegendemonstration angemeldet hatte, kam nur eine kleine Gruppe zusammen. Frank Habermann von den Linken war dennoch zufrieden: „Wir fungieren als Anlaufstelle für den Protest und haben mit unserer Demo-Anmeldung verhindert, dass die ,Querdenker’ diesen Platz wie vor einem Jahr besetzen.“ Ein Gegendemonstrant war extra aus Mettmann in Nordrhein-Westfalen angereist, um seine Flagge mit der Aufschrift „Antiverschwurbelte Aktion“ zu zeigen. Einige witzelten über die „Mehr als 1:1-Betreuung durch die Polizei“.

Der Mitmachprotest

Am Obelisken hatte das Haus der Sozialwirtschaft – auch Treppe 4 genannt – mit der Initiative „Offen für Vielfalt“ ein Zeichen gesetzt. Mit dem Spielmobil Rote Rübe wurde ein Kinderprogramm organisiert, das ein Kontrapunkt zum Aufzug der „Querdenker“ sein sollte.

Die Polizei war fast überall: Mannschaftswagen auf dem Friedrichsplatz.
Die Polizei war fast überall: Mannschaftswagen auf dem Friedrichsplatz. © Andreas Fischer

Der Aufzug

Fast drei Stunden zogen die „Querdenker“ am Samstagnachmittag durch die Stadt. Sie trommelten dabei, schwenkten Deutschland- sowie Israel-Flaggen und skandierten immer wieder „Frieden, Freiheit, Selbstbestimmung“. Vor einem Jahr waren die „Querdenker“ von Anwohnern in der Nordstadt mit Wasser übergossen worden. Diesmal gab es keine Zwischenfälle. Als vor dem Kiosk „Bei Ali“ in der Gottschalkstraße mehrere Antifa-Aktivisten stehen, werden die sofort von Polizisten abgeschirmt.

Die Teilnehmer

Wie bei vergangenen Veranstaltungen ist die Gruppe, die durch die Straßen zieht, auch diesmal sehr heterogen. Es sind Rentner dabei, Yoga-Lehrerinnen, Studenten. In der ersten Reihe marschiert auch ein Mann aus Melsungen mit, der einst für das rechtsextreme Bürgerbündnis Pro Schwalm-Eder kandidierte. Er war im Juli 2019 nach dem Mord an Regierungspräsident Walter Lübcke auch schon mit den Neonazis der Partei „Die Rechte“ durch Kassel marschiert.

Damals sei es um Meinungsfreiheit gegangen, sagt der Mann unserer Zeitung. Sein Brillengestell hat er mit Alufolie umwickelt, dem Kennzeichen von Verschwörungsanhängern. Nun gehe er gegen das Impfen auf die Straße: „Dagegen werde ich kämpfen bis zum letzten Atemzug.“ (Matthias Lohr und Bastian Ludwig)

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