Schwierigkeiten bei Aufklärung nicht natürlicher Todesfälle

Fred Lenhoff

Kassel. Die Kasseler Kriminalpolizei hat im vergangenen Jahr 519 Leichen in Stadt und Landkreis untersucht. Bei 320 Leichenschauen habe man einen natürlichen Tod attestiert, sagt der Erste Kriminalhauptkommissar Fred Lenhoff, Chef des Kommissariats K11.

Bei 199 Fällen stellte die Kripo einen nicht natürlichen Tod fest. Das bedeute natürlich, dass es sich dabei nicht immer um Tötungsdelikte handele, sagt Lenhoff.

Neben den 13 Kapitalverbrechen (Mord und Totschlag), seien unter den nicht natürlichen Todesfällen unter anderem 56 Suizide, 42 Hausunfälle sowie 48 Fälle gewesen, bei denen man nicht habe feststellen können, ob es sich um ein Unglück oder einen Selbstmord gehandelt habe, sagt Lenhoff.

Zudem habe man in vier Fällen ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung eingeleitet. Dabei habe es sich um den Tod von Senioren gehandelt, die in einem Alten- oder Pflegeheim gestorben sind. Die Kripo habe zum Beispiel untersucht, ob das Pflegepersonal auf die Senioren nicht adäquat aufgepasst habe. In einem Fall sei eine Person zu Tode gestürzt, die gar nicht hätte aufstehen dürfen. Mittlerweile käme es immer öfter vor, dass Angehörige der Kripo Hinweise auf Ungereimtheiten geben.

Den Kriminalbeamten ist es ein Anliegen, dass nur besonders ausgebildete Ärzte eine Leichenschau vornehmen. Grund: Viele Mediziner hätten viel zu wenig Erfahrung damit. Nach Gesetzeslage dürfe sogar ein Zahnarzt eine Leichenschau vornehmen, kritisiert Lenhoff.

Art und Ursache

„Viele Ärzte verwechseln nach wie vor Todesart und Ursache.“ Für die Ermittler sei zuerst nur von Belang, ob jemand eines natürlichen oder nicht natürlichen Todes gestorben sei. Stehe Letzteres fest, werde folglich auch nach der Ursache gefragt.

Zur Leichenschau der Kripo gehören nicht nur eine genaue Untersuchung des Körpers, sondern auch Befragungen und Plausibilitätsprüfungen. Sei zwei Tage vor einem Tod die Lebensversicherung geändert worden, dann werde die Kripo natürlich hellhörig.

Lenhoff kritisiert nicht nur, dass es kaum spezialisierte Ärzte für Leichenschauen gibt, sondern auch das Verhalten vieler Mediziner, die bei einem nicht natürlichen Tod eines Patienten mauerten. „Viele Ärzte berufen sich immer wieder auf ihre ärztliche Schweigepflicht, auch nach dem Tod eines Menschen.“ Dabei gebe es eine ganz klare Rechtsprechung in Deutschland: Der Arzt müsse nach dem Tod im Sinne des Verstorbenen handeln, sagt der Ermittler. „Ich bin mir sicher, dass die Verstorbenen in 99,9 Prozent der Fälle damit einverstanden wären, dass die Ärzte uns Auskunft geben.“ Wenn das die Mediziner begriffen, dann würde das der Kripo viel Arbeit ersparen. Zahlreiche Beschlagnahmungen und richterliche Beschlüsse würden dadurch überflüssig. (use)

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