Wirtschaftlicher Aufschwung nutzt Menschen mit Handicap nicht –Die meisten tauchen in der Statistik nicht auf

Viele Behinderte weiter ohne Job

Ein ungewohntes Bild: Schwerbehinderte Menschen bekommen nur selten die Chance auf einen regulären Arbeitsplatz. Foto: dpa

Kassel. Während die Zahl der Arbeitslosen im Agenturbezirk Kassel seit dem Aufschwung deutlich gesunken ist (August 2011: 6,6 Prozent Arbeitslosenquote), sind viele Schwerbehinderte weiterhin kaum vermittelbar.

Dafür sind viele Gründe verantwortlich: Zum einen schreckten immer noch Arbeitgeber aus Unsicherheit davor zurück, einen behinderten Menschen einzustellen, sagt Helmut Ernst, Vorsitzender des Behindertenbeirates der Stadt. Auf der anderen Seite fehlt es aber auch an geeigneter Arbeit und den Strukturen, um diese Menschen auf den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln.

Viele in Werkstätten

Wie groß das Problem wirklich ist, lässt sich schwer überblicken. Ein Großteil der Betroffenen ist nämlich gar nicht arbeitslos gemeldet. Sie sind in Werkstätten und anderen Behinderteneinrichtungen beschäftigt, wo sie nur im besten Fall wieder fit für den ersten Arbeitsmarkt gemacht werden. In den wenigsten Fällen gelinge dies aber, sagt Uwe Frevert, Vorstand der „Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben“ in Kassel.

Dennoch sind im Agenturbezirk Kassel 1700 Schwerbehinderte arbeitslos gemeldet. Als schwerbehindert gilt, wer einen Behinderungsgrad von mindestens 50 Prozent attestiert bekommen hat. Diese Menschen sind, wenn auch teilweise zeitlich eingeschränkt, arbeitsfähig. Obwohl Betriebe mit über 20 Mitarbeitern gesetzlich verpflichtet sind, fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Schwerbehinderten zu besetzen, ist dieser Personenkreis nur schwer in regulären Jobs unterzubringen. Grund dafür ist auch eine Hintertür: Firmen können sich mittels einer Ausgleichsabgabe von der Beschäftigungspflicht befreien.

Ursache dafür, dass der Jobmarkt für Behinderte wenige Chancen bietet, sei aber auch die Unwissenheit bei den Arbeitgebern in Bezug auf Fördermöglichkeiten, sagt Ernst vom Behindertenbeirat.

Während die Arbeitsagentur an vielen Stellen bei der Arbeitsmarktförderung gekürzt hat, werde das Geld für die Integration behinderter Menschen in unveränderter Höhe gezahlt, sagt Agentursprecherin Silke Sennhenn. Dazu zählen etwa Mittel zu Integration: Bei dieser Förderung trägt die Agentur, abhängig vom Grad der Behinderung, in den ersten drei Arbeitsjahren zum Teil bis zu 80 Prozent des Gehaltes. Auch gibt es Geld für spezielle Arbeitsplatzausstattungen sowie einen Lohnkostenzuschuss, der Minderleistungen gegenüber nicht-behinderten Arbeitnehmern ausgleichen soll. Weitere Artikel

Von Bastian Ludwig

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