Nachwuchs vielfach Mangelware

Viele Betriebe in Kassel suchen händeringend Auszubildende

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Wieder gefragter: Bauberufe. Ein Grund dafür ist auch die vergleichsweise hohe Vergütung während der Lehrzeit.

Kassel. Die Zahl der Lehrstellenbewerber für das aktuelle Ausbildungsjahr ist im Arbeitsagenturbezirk Kassel um 6,4 Prozent auf 3895 gestiegen.

Gleichzeitig bleiben Hunderte von Stellen unbesetzt. Das klingt wie ein Widerspruch, ist aber keiner. Denn der Bedarf nach Fachkräften steigt, und der Mangel wächst sich in manchen Branchen zusehends zu einem Problem aus. Das sind die zentralen Aussagen der Ausbildungsplatz-Bilanz der Agentur sowie der Industrie- und Handels- und der Handwerkskammer für die Stadt und den Kreis Kassel sowie den Werra-Meißner-Kreis.

Den 3895 Bewerbern standen 3571 gemeldete Stellen gegenüber – 91 mehr als im Vorjahr. Da aber nicht alle freien Stellen gemeldet werden und viele Betriebe die Suche nach passenden Bewerbern aufgegeben haben, ist das Verhältnis mindestens ausgewogen. Und es wird sich zu Ungunsten der Unternehmen weiter verschlechtern. Denn die Zahl der Schulabgänger, die gegenüber 2010 um 18,6 Prozent gesunken ist, wird über alle Schulzweige hinweg in den nächsten drei Jahren um weitere gut zwölf Prozent schrumpfen.

Dass die Zahl der Bewerber entgegen dem demografischen Trend gestiegen ist, hat mit den verstärkten Bemühungen von Agentur und Kammern um neue Zielgruppen zu tun. So konnten 283 Studienabbrecher und 155 Flüchtlinge für eine Berufsausbildung gewonnen werden.

So ändern sich die Zeiten: Mussten junge Menschen vor wenigen Jahren noch zig Bewerbungen schreiben, um einen Ausbildungsplatz zu ergattern, können sie ihn sich heute praktisch aussuchen. „Es hat sich komplett gedreht, von einem Arbeitgeber- zu einem Bewerbermarkt“, bringt der Leiter der Arbeitsagentur Kassel, Detlef Hesse die aktuelle Situation auf den Punkt.

Die meisten können zwischen mehreren Angeboten wählen, was auch dazu führt, dass zugesagte Lehrstellen zu spät abgesagt oder gar nicht erst angetreten werden und den Arbeitgebern dann kaum, Zeit bleibt, einen neuen Azubi zu finden. In solchen Fällen bleiben wertvolle Ausbildungsplätze unbesetzt.

Aber was für junge Menschen ein Segen ist, ist volkswirtschaftlich Gift. Denn Betriebe tun sich immer schwerer, passenden Nachwuchs zu finden und müssen einen gewaltigen Rekrutierungsaufwand betreiben. Längst sind passgenaue Vermittlung, Lehrstellenlotsen und bei schwächeren Bewerbern auch dauerhafte Förderung und Betreuung von Lehrlingen sowie die Qualifizierung ungelernter Kräfte zur zentralen Aufgabe der Arbeitsagenturen und der Kammern geworden. „Das Werben um junge Menschen ist äußerst mühsam. Die passgenaue Besetzung freier Stellen ist sehr personal- und zeitaufwendig“, erklärt Cornelia Mündel-Wirz von der Handwerkskammer.

Und IHK-Weiterbildungschef Dr. Michael Ludwig ergänzt, dass sich die vor fünf Jahren in Schulen installierten Berufswahlbüros auszahlen. „Wir kommen so an Jugendliche heran, die wir sonst nicht erreicht haben“, sagt er.

Gegner der Berufsausbildung ist nicht die Demografie allein. Der Trend zur Akademisierung entzieht Handel, Handwerk, Gastronomie, Dienstleistern, Gesundheitsberufen und Industrie viele junge Menschen. Daher ist es erklärtes Ziel von Agentur und Kammern sowohl die jungen Menschen als auch die Eltern von den Vorzügen einer fundierten Berufsausbildung zu überzeugen. Das durchlässige Bildungssystem in Deutschland ermöglicht Meistern und Gesellen mit einigen Jahren Berufserfahrung ein Studium ohne Abitur, und auch ohne akademischen Werdegang bietet eine Berufsausbildung in Verbindung mit einer Vielzahl von Qualifizierungsmaßnahmen beruflichen Aufstieg.

Allen Schwierigkeiten zum Trotz meldet die Handwerkskammer Kassel, zu der neben der Stadt Kassel und den fünf nordhessischen Kreisen auch Fulda gehört, bei den Ausbildungsverträgen ein Plus von 7,9 Prozent auf 2731.

Die IHK (Nordhessen plus Altkreis Marburg) meldet 4661 Ausbildungsverträge, 2,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders gefragt sind Berufe im Metall- und Fahrzeugbau, Informatik, Gesundheit, Elektrotechnik und auch wieder am Bau und in der Gastronomie. Größte Sorgenkinder bleiben die Nahrungsmittelhandwerke. Weniger gefragt waren auch Berufe im Handel, bei Banken und Versicherungen.

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