Laut IG Metall hat nur ein Drittel der Betriebe spezielle Arbeitsplätze - Kritik an Rente mit 67

Viele denken nicht ans Alter

Stefan Pilz

Kassel. Die Arbeitsplätze in der Metall- und Elektroindustrie sind zum überwiegenden Teil nicht auf die Bedürfnisse älterer Beschäftigter ausgerichtet. Das hat eine Befragung der Gewerkschaft IG Metall unter den Betriebsräten der Branche ergeben.

Nur 31 Prozent der Betriebe in der Region haben demnach altersgerechte Arbeitsplätze. Teilgenommen haben Arbeitnehmervertreter von 54 Betrieben mit mehr als 33 400 Beschäftigten.

Die Ergebnisse seien vor allem im Hinblick auf die Rente mit 67 Jahren „ernüchternd“, sagt Oliver Dietzel, 1. Bevollmächtigter der IG Metall. Wenn die Menschen länger arbeiten sollten, müssten die Bedingungen so sein, dass man gesund bis zur Rente durchzuhalten könne. Schon jetzt seien aber laut der aktuellen Befragung nur 2,6 Prozent der Beschäftigten älter als 60 Jahre. Die meisten schieden offensichtlich ohnehin vorher aus. Die IG Metall drängt darauf, dass die Unternehmen mehr altersgerechte Arbeitsplätze einrichten. Sonst drohe auch zunehmende Altersarmut, wenn Mitarbeiter altersbedingt ausscheiden und dafür massive Rentenkürzungen hinnehmen müssten.

Mit VW und dem Mercedes-Benz-Achsenwerk haben zwei große Unternehmen der Region im Hinblick auf den demografischen Wandel begonnen, sich auf eine älter werdende Belegschaft einzustellen. Bei VW achte man bei Kauf und Gestaltung von Maschinen und Anlagen darauf, dass auch Mitarbeiter mit gesundheitlichen Einschränkungen daran arbeiten könnten, sagt stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Ulrike Jakob. „Es ist wichtig, dass man hier investiert und nicht erst am Ende der Kette nach Lösungen schaut, wenn ein Mitarbeiter nicht mehr ohne Weiteres eingesetzt werden kann.“

Ulrike Jakob

Stefan Pilz, Betriebsrat bei Mercedes, kritisiert eine „halbherzige Herangehensweise“ der Arbeitgeber. Zwar bemühe man sich, Arbeitsabläufe zu erleichtern und die Tätigkeiten regelmäßig zu wechseln, um einseitiger Belastung vorzubeugen. Das habe auch einen Rückgang beim Krankenstand um zwei Prozent gebracht. Allerdings beobachte er, dass der Arbeitgeber im Gegenzug für die Erleichterung meist eine Leistungssteigerung erwarte. „Man hat dann einen altersgerechten Arbeitsplatz, aber muss gleich wieder zwei Achsen mehr machen. Das ist nicht zielführend.“

Oliver Dietzel

Auch IG-Metall-Chef Dietzel sagt: „Altersgerechte Arbeit kann man nicht nur unter Reditegesichtspunkten sehen.“ Dabei, betont VW-Betriebsrätin Jakob, sei es auch betriebswirtschaftlich lohnend, sich auf alte Arbeitnehmer einzustellen. „Das Kostenproblem bekommen Unternehmen auch, wenn sie nichts mache“. Dann müssten sie sich auf erhöhten Krankenstand, weniger Flexibilität bei der Schichteinteilung und eine generelle Leistungsminderung der Belegschaft einstellen.

Das sagen die Arbeitgeber:

Die Kritik der IG Metall, Arbeitgeber würden kaum altersgerechte Arbeitsplätze zur Verfügung stellen, weist Jürgen Kümpel, Geschäftsführer des Verbandes der Metall- und Elektro-Unternehmen in Nordhessen, zurück. Beide Seiten hätten ein Interesse, Ältere möglichst lange in Beschäftigung zu halten - die Betriebe im Hinblick auf Fachkräftesicherung, die Beschäftigten wegen ihrer Rente.

Der Anteil über 60-Jähriger in der Branche habe sich in zehn Jahren verdoppelt. Insofern trügen Ältere zunehmend zur „Leistungs- und Innovationsfähigkeit“ der Branche bei. Während große Unternehmen mit Personalabteilung bei dem Thema meist gut aufgestellt seien, hätten kleine und mittlere Unternehmen noch Nachholbedarf, so Verbandssprecher Achim Schnyder.

Dass die Großunternehmen auch andere finanzielle Möglichkeiten haben, ist laut Schnyder nicht ausschlaggebend. Sich auf ältere Arbeitnehmer einzustellen sei „eine Frage der Ideen und nicht nur des Geldes.“ Oft könnten Kleinigkeiten viel ausmachen. Im Handwerk ist laut Handwerkskammer anders als in der Industrie die gezielte altersgerechte Gestaltung von Arbeitsplätzen kaum notwendig, weil die Tätigkeiten und Arbeitsorte im Alltag häufig wechseln. (rud)

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