Interview

Neues Kassel-Logo: „Viele fühlen sich vor den Kopf gestoßen“

Neu und alt: Oben das neue Logo der Stadt Kassel, unten das alte, das 1997 von Prof. Karl Oskar Blase entworfen wurde.

Kassel. Das neue Logo der Stadt Kassel, das Studenten der Kunsthochschule unter Leitung der Professoren Bernard Stein und Nicolaus Ott entworfen haben, hat einen schlechten Start gehabt. Vielen Kasselern gefällt das neue Erscheinungsbild nicht. Bei einer Umfrage auf HNA.de sagten 86 Prozent der Teilnehmer.

Das alte Logo war besser. Auch viele Leserbriefe mit Kritik und Häme erreichten die HNA bereits. Wir sprachen mit Clemens Camphausen und Andreas Feischen von der Kasseler Werbeagentur Machbar über das neue Logo. Ihre Agentur hat unter anderem das „Kassel gewinnt“-Logo zur Kulturhauptstadtbewerbung entwickelt sowie den Auftritt des Kulturprogramms im documenta-Jahr „KasselKultur2012“.

Was sagen Sie aus fachlicher Sicht zu dem Logo?

Clemens Camphausen: Der kreative Ansatz für das neue Logo ist gewissermaßen radikal. Er ist radikal in der Abwendung vom alten Logo. Und das neue Logo ist radikal vereinfacht.

Andreas Feischen

Andreas Feischen: Die Idee der neuen Schrift, die den Namen der Stadt trägt, finde ich gut. Auch die Schrift gefällt mir. Ich würde mir bei einem Stadt-Logo allerdings mehr Identitätsstiftendes wünschen, das auch die Menschen verstehen, die nicht aus dem Design-Bereich kommen.

Was meinen Sie damit?

Feischen: Die Natur und die regionale Verbundenheit sind ganz wichtige Identifikationsmerkmale für die Kasseler und die Nordhessen. Kassel ist nicht allein über den Aspekt documenta-Stadt zu definieren. Wir sind gespannt, wie die Stadt und die Macher des neuen Erscheinungsbildes in seiner Anwendung auch die weiteren Qualitäten von Kassel aufgreifen.

Camphausen: Niemand hat in Kassel etwas gegen das Attribut documenta-Stadt. Aber ich kann nachvollziehen, dass sich durch die Ausschließlichkeit viele Kasseler vor den Kopf gestoßen fühlen.

Kritiker sagen: Das ist kein Logo, das ist nur eine Schrift.

Clemens Camphausen

Camphausen: Bei diesem Logo handelt es sich um eine Wortmarke, keine Bildmarke. Dagegen ist aus gestalterischer Sicht grundsätzlich nichts einzuwenden. Das Kassel-Logo basiert allein auf Text. Man liest es und versteht die Aussage. Es ist allerdings so zurückhaltend und schlicht gestaltet, dass es je nach Anwendung nach einer grafischen oder bildlichen Ergänzung verlangt.

Feischen: Das neue Logo wurde ja vor allem mit der Begründung erstellt, es habe zu viel Wildwuchs um das alte Logo gegeben. Jetzt gibt es ein so reduziertes Erscheinungsbild, dass die Gefahr besteht, dass jeder noch etwas hinzufügt, weil man denkt: Oh, das ist zu wenig. Hier muss es strenge Richtlinien zur Anwendung des neuen Corporate Design geben.

Was muss ein Stadt-Logo können?

Camphausen: Es sollte modern, aber nicht modisch sein - schließlich soll es ja lange verwendbar sein. Es soll prägnant, aber nicht aufdringlich sein. Das kann man dem neuen Logo durchaus zuschreiben. Ein Logo sollte aber auch einen hohen Wiedererkennungswert haben und identitätsstiftend sein. Beim Kassel-Logo ist das für Typografen, die sich mit Schrift auskennen, vielleicht der Fall. Für alle anderen ist es schwierig.

Was ist noch wichtig?

Camphausen: Ein Logo sollte außerdem offen für Interpretationen sein und im Idealfall für alle Zielgruppen verständlich. Hier muss das Kassel-Logo über die monothematische Botschaft „documenta-Stadt“ hinaus in seiner Anwendung Vielseitigkeit beweisen. Was wir bisher gesehen haben, wird es sicher nicht gewesen sein.

Hat das alte Logo mehr geleistet als das neue?

Feischen: Die Frage ist unfair. Das alte Logo hatte 15 Jahre Zeit, um sich zu etablieren. Es war akzeptiert. Das heißt aber nicht, dass man für alle Zeiten nichts Neues machen darf. Richtig ist, dass Lieschen Müller in dem alten Logo mehr entdecken konnte: Berg und Tal, Natur und Fluss und die Stadt mit ihrem Wappen. Das neue bietet mit dem, was man bisher davon gesehen hat, wenig Interpretationsspielraum. Das heißt nicht, dass kein gutes Erscheinungsbild daraus werden kann. Aber dafür muss noch etwas mehr passieren. Vielleicht haben die Macher und die Auftraggeber aber auch bloß noch nicht ausreichend kommuniziert, wie die verschiedenen Anwendungen des neuen Erscheinungsbildes aussehen.

Zu den Personen

Clemens Camphausen (43) und Andreas Feischen (42) sind Gründungsmitglieder und Geschäftsführer der Agentur für Werbung und Kommunikationsdesign „Machbar“. Beide haben an der Kasseler Kunsthochschule Design studiert. Beide sind zweifache Väter und leben in Kassel. (rud)

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