„Viele können das nicht mehr stemmen“

Gaspreisexplosion: Rentner zahlt nach Anbieterwechsel mehr als das Doppelte

Ist schockiert von den hohen Gaspreisen: Gerd Schäfer in seiner Altbauwohnung an der Heinrich-Schütz-Allee.
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Ist schockiert von den hohen Gaspreisen: Gerd Schäfer in seiner Altbauwohnung an der Heinrich-Schütz-Allee.

Gerd Schäfer macht sich Sorgen. Nicht nur um sich, sondern um viele andere, die nicht so viel Geld haben. Anlass sind die stark gestiegenen Gaspreise.

Kassel - Der 63-jährige Frührentner muss nach einem Anbieterwechsel nun mehr als doppelt so viel bezahlen wie vorher. Für seine Altbauwohnung liegen die Kosten ab Januar monatlich bei über 200 Euro. „Ich kann das gerade so noch bezahlen. Aber viele können das nicht mehr stemmen“, so Schäfer. Er sieht große Probleme auf Haushalte mit wenig Einkommen zukommen.

Gerd Schäfer war zuletzt nicht mehr Kunde bei den Städtischen Werken. Seit fünf Jahren bezieht er das Gas für seine Gasetagenheizung von den Chemnitzer Stadtwerken. „Dort war es seinerzeit zehn Prozent günstiger als in Kassel“, sagt Schäfer. Monatlich zahlt er 84 Euro. Ende des Jahres läuft sein aktueller Vertrag aus. Weil ihm die Chemnitzer Stadtwerke angekündigt hatten, seinen Abschlag wegen der weltweit steigenden Gaspreise auf 163 Euro fast zu verdoppeln, entschloss er sich zum Wechsel.

Also informierte sich Schäfer auf der Internetseite der Städtischen Werke. Für seinen Verbrauch von 14 000 Kilowattstunden (kWh) bekam er einen Abschlag von 93 Euro monatlich angezeigt. Also griff er Ende November zum Hörer. An der Servicehotline der Städtischen Werke sei ihm gesagt worden, es sei aktuell keine Preiserhöhung geplant, weil der Versorger langfristige Verträge mit Lieferanten abgeschlossen hätte. Also forderte er Vertragsunterlagen an. „Aber ich bekam keinen Vertrag“, erzählt Schäfer. Als er nachhakte, erfuhr er, dass die Preise für Neukunden auch bei den Städtischen Werken deutlich angehoben werden.

Ohne Vertragsbindung müsste er 218 Euro monatlich zahlen, bei einer einjährigen Vertragslaufzeit wären es 151 Euro. Schäfer bekam einen großen Schreck.

Er ging seine Optionen durch: Weil sich seine Wohnung an der Heinrich-Schütz-Allee in einem Altbau von 1910 befindet, kann er kaum Energie einsparen. Es gibt kaum Wärmedämmung und die Gastherme hat auch schon einige Jahre auf dem Buckel. Es wären große Investitionen des Eigentümers nötig, um den Verbrauch zu senken. Weil diese nicht zu erwarten sind, entschloss er sich zum Umzug in eine kleinere, 50-Quadratmeter große Wohnung jüngeren Datums. Weil sein Sohn vor Kurzem ausgezogen ist, passt das.

In der neuen Wohnung, in die er am 1. April umziehen will, gibt es eine Ölheizung. „Das ist aktuell noch günstiger“, sagt Schäfer. In den ersten drei Monaten des Jahres wird er aber die gut 200 Euro für sein Gas zahlen müssen.

Auch wenn er für sich eine Lösung gefunden hat, macht sich Schäfer Gedanken um viele andere Mieter mit wenig Einkommen. „Als Mieter hat man keinen Einfluss auf den Zustand eines Gebäudes.“ Er fragt sich, was nun all die Menschen machen, die zum Beispiel neu nach Kassel ziehen – darunter auch Studenten. Diese hätten alle keine langfristigen Verträge mit entsprechend günstigeren Konditionen. „Da kommen die Leute richtig in Schwierigkeiten. Zahlungsprobleme gegenüber dem Versorger werden da kaum abzuwenden sein“, glaubt Schäfer.

Das sagen die Städtischen Werke:

Der Sprecher der Städtischen Werke verweist im Zusammenhang mit den großen Preissprüngen für Neukunden auf extrem gestiegene Weltmarktpreise. „Damit wir unsere Preise für Bestandskunden nicht plötzlich stark anheben müssen, kaufen wir unsere Energie langfristig im Vorfeld . Dabei gehen wir davon aus, dass vielleicht bis zu fünf Prozent im Laufe der Zeit hinzukommen“, so Ingo Pijanka, Sprecher der Städtischen Werke. Aktuell gebe es aber viele Hunderte, die zu den Städtischen Werken wechseln wollten, weil ihre bisherigen Billiganbieter angesichts des Preisanstiegs zu teuer geworden oder insolvent sind. Für eine solche Situation habe das Unternehmen nicht auf Verdacht Energie auf Vorrat eingekauft. Deshalb müsse kurzfristig teure Energie nachbeschafft werden.

„Es gibt Stadtwerke, die Verallgemeinern die Mehrkosten und legen diese auf alle Kunden um. Wir halten es für falsch, die Mehrkosten auf unsere treuen Bestandskunden abzuwälzen. Wer durch häufige Versorgerwechsel von den Chancen auf günstige Preise profitieren wolle, trage auch die Risiken“, so Pijanka. Für Bestandskunden liege der Preisanstieg zum 1. Februar bei etwa 15 Prozent. Wer sich langfristig vertraglich festlege, könne Geld sparen.

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