Anzahl steigt in Stadt und Kreis Kassel - besonders bei Bagatellunfällen

Immer mehr Fahrerfluchten: Viele kratzen einfach die Kurve 

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Es ist schnell passiert: Auch wer beim Öffnen der Autotür ein anderes Auto beschädigt, begeht Fahrerflucht, wenn er sich nicht an die Vorschriften hält.

Kassel. Erst machen sie einen Kratzer ans Auto, dann kratzen sie die Kurve: Die Zahl der Fahrerfluchten ist in Stadt und Landkreis Kassel in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen.

Im Jahr 2010 waren es insgesamt 2478 Fahrerfluchten, die bei der Polizei angezeigt wurden. Gegenüber 2007 ist das eine Zunahme von elf Prozent. In den meisten Fällen handelt es sich um reine Blechschäden.

„Wir beobachten diese Tendenz seit Längerem – vor allem bei sogenannten Parkplatzunfällen“, sagt Polizeisprecherin Sabine Knöll. Dabei ist das scheinbare Kavaliersdelikt eine Straftat, für die laut Strafgesetzbuch Geldstrafen oder Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren verhängt werden können.

Mittlere Aufklärungsquoten

Die Chance, nach einer Fahrerflucht unentdeckt zu bleiben, ist noch relativ hoch. In der Stadt Kassel, wo im Jahr 2010 1583 Fahrerfluchten angezeigt wurden, klärte die Polizei 44 Prozent der Fälle auf. Wenn Personen bei dem Unfall zu Schaden kamen, lag die Quote bei fast 65 Prozent. Im Landkreis Kassel, wo 895 Fahrerfluchten registriert wurden, war die Aufklärung schwieriger: 36 Prozent aller Verursacher wurden ausfindig gemacht. Bei Personenschäden waren es 45 Prozent.

Viele Autofahrer bringen sich oft auch aus Unwissenheit in Schwierigkeiten. „Einen Zettel am Auto des Geschädigten zu hinterlassen, reicht nicht aus“, sagt Knöll. Zunächst müsse der Unfallverursacher eine angemessene Zeit am Unfallort warten. Was angemessen ist, hänge von der Situation ab und werde im Zweifel von Gerichten bewertet. „Wer beispielsweise auf dem Supermarktparkplatz ein Auto anfährt, kann davon ausgehen, dass der Besitzer bald zu seinem Auto zurückkommen wird. Er sollte warten“, sagt Knöll. Wenn im Fall eines Parkplatz-Unfalls der Geschädigte dennoch nicht auftaucht, muss sich der Verursacher bei der Polizei melden. „Dann bekommt er zwar ein Bußgeld wegen einer Ordnungswidrigkeit, aber er macht sich nicht der Fahrerflucht schuldig“, sagt Knöll. Meldet er sich nicht innerhalb von 24 Stunden, so kann er darüber hinaus nicht mit einer Milderung seiner Strafe rechnen.

Die Verkehrspsychologin Sabine Sonntag aus Fuldabrück macht unterschiedliche Ursachen für die gestiegene Zahl von Fahrerfluchten verantwortlich: „Bei einigen sind es sicherlich Kurzschlussreaktionen. Es gibt die Sorge vor Konsequenzen – etwa die Hochstufung in der Kfz-Versicherung oder die Unannehmlichkeiten mit der Polizei.“

Aber auch gesellschaftliche Entwicklungen seien verantwortlich. „Viele haben gar nicht das Gefühl, etwas Unrechtes getan zu haben. Sie sagen sich: Das macht doch jeder.“ Dahinter stecke ein Defizit bei der Wertevermittlung. Darunter falle etwa der Umgang mit fremdem Eigentum.

Von Bastian Ludwig

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