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Viele Medikamente fehlen: Auch Apotheker in der Region Kassel beklagen Lieferengpässe

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Von: Anna Weyh

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Nicht nur Medikamente gegen Fieber für Kinder sind von Lieferschwierigkeiten betroffen, sondern auch Beta-Blocker (Symbolfoto).
Nicht nur Medikamente gegen Fieber für Kinder sind von Lieferschwierigkeiten betroffen, sondern auch Beta-Blocker (Symbolfoto). © Maurizio Gambarini/dpa

Überall fehlen Medikamente. Auch Apotheken in Stadt und Kreis Kassel beklagen Lieferengpässe von Antibiotika und Hustensäften.

Kassel – Ebenso mangelt es an Blutdruckmitteln, Insulin und Fiebersäften für Kinder. „Das ist absurd. Eine vergleichbare Situation gab es noch nie“, sagt Cordula Markowski von der Apotheke mit Herz in Hofgeismar. Abends seien die Regale oft leer. „Wir suchen nach Alternativen, aber die Leute sind zurecht verärgert“, sagt Markowski. „Es ist unfassbar, dass Medikamente hier nicht ausreichend zur Verfügung stehen.“

Die Lagerpflege der Apotheken nehme aufgrund der Lieferengpässe viel Zeit in Anspruch. „Wir haben schnell genug reagiert und unseren Bestand rechtzeitig um ein Vielfaches erweitert“, sagt Axel Kulp, der in Kassel zwei Apotheken betreibt. Bislang machen sich die Lieferprobleme bei ihm deshalb noch nicht bemerkbar, doch die Situation sei zunehmend angespannt. „Dass es so schlimm wird, hätte ich nicht erwartet“, sagt Kulp.

Ihm stimmt auch Dennis Witt von der Palmen-Apotheke Brückenhof in Kassel zu. „Ich sitze bis in die Nacht hinein am Schreibtisch und schaue, wo ich noch bestellen kann“, sagt Witt, der bemüht ist, den Bedarf seiner Stammkunden vorrätig zu haben.

Es mangele derzeit an Arzneimitteln in der gesamten Bandbreite, auch alle Altersgruppen seien von den Lieferengpässen betroffen. „Es gibt mehr als 300 Medikamente, die aktuell nicht lieferfähig sind“, sagt Holger Seyfarth, Vorsitzender des Hessischen Apothekerverbands (HAV).

Zwar sei die Nachfrage nach einigen Medikamenten durch die aktuelle Grippewelle deutlich gestiegen, der Grund für die Notlage gehe aber weit darüber hinaus. „Schuld sind die Rabattverträge der Krankenkassen und der damit verbundene Preisdruck. Die Kassen verhandeln mit den Arzneimittelherstellern und wollen nur wenig Geld bezahlen“, sagt Seyfarth.

Die Folge: Einige Firmen mussten die Produktion aufgeben, es habe sich für sie nicht mehr rentiert, so der HAV-Vorsitzende. Die Apotheken seien durch die Verträge nun an bestimmte Hersteller gebunden. Diese seien jedoch nicht mehr in der Lage, die hohe Nachfrage abzudecken. Der HAV warne seit Jahren vor dieser Situation, so Seyfarth. „Ich bin leider nicht optimistisch. Im Laufe des Winters wird der Mangel an Medikamenten noch schlimmer werden“, sagt er.

Fiebersaft für Kinder fehlt: Mediziner geben Entwarnung

Viele Medikamente sind aktuell nicht lieferbar. Diese Situation bestehe schon seit längerer Zeit, sie sei aber durch die aktuelle Infektionswelle noch einmal deutlich hervorgetreten. Besonders dramatisch sei die Lage bei schmerz- und fiebersenkenden Mitteln für Kinder, berichten Kassels Apotheker.

Der Ibuprofen- oder Paracetamol-Saft, den Eltern ihren Kindern häufig bei Fieber geben, sei in den meisten Fällen jedoch nicht notwendig, meldet das Gesundheitsamt Region Kassel, das zu diesem Thema in engem Austausch mit dem Apothekerverband und mit Vertretern der Haus- und Kinderärzte stehe. „Bei Fieber handelt es sich um eine Reaktion auf den Infekt, die Selbstheilungskräfte wurden erfolgreich aktiviert“, sagt ein Sprecher des Gesundheitsamts Region Kassel.

Thomas Lenz, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin aus Vellmar, bestätigt das. „Die unter Eltern weitverbreitete Angst vor Fieber ist unbegründet. Es gibt wissenschaftliche Erkenntnisse dafür, dass auch Fieber über 40 Grad nicht gefährlich für Kinder ist“, sagt er. Es sei nur ein Zeichen dafür, dass das Immunsystem hochgefahren werde.

Meistens handele es bei den Krankheiten der Kinder um Virusinfektionen. „Diese gehen ohne Zutun wieder weg. Man kann die Genesung auch nicht beschleunigen“, sagt Lenz. Das Fieber sollte aus diesem Grund auch nicht durch Medikamente unterdrückt werden. Nur bei einem schlechten Allgemeinbefinden des Kindes oder bei Schmerzen sollten fiebersenkende Mittel Anwendung finden, sind sich der Obmann der Kinder- und Jugendärzte im Raum Kassel und das Gesundheitsamt einig. Ansonsten seien Ruhe und viel Flüssigkeit wichtig, um den Genesungsprozess zu unterstützen.

„Auch die Furcht vor Fieber- oder Infektkrämpfen ist unbegründet“, sagt Thomas Lenz. Zwar sollten Eltern einen solchen Krampf ernst nehmen und einen Krankenwagen rufen, damit das Kind ärztlich untersucht werden kann. „Eltern brauchen vor dieser Situation aber keine Angst haben. Ein Krampf schädigt das Kind nicht“, sagt er.

„Fieber ist keine Krankheit, sondern ein Symptom. Das muss bei Kindern nicht behandelt werden“, sagt Lenz. Er appelliert auch an die Eltern: „Viele sind besorgt, ich möchte den Eltern auch keinen Vorwurf machen. Aber zum Arzt sollte man erst kommen, wenn das Kind durch die Krankheit stark beeinträchtigt oder die Atmung unnormal ist.“ Auch wenn das Fieber länger als drei Tage anhalte, sollte man zum Arzt gehen.

Bei einer Virusinfektion mit Husten und Schnupfen müsse jedoch kein Kind ärztlich untersucht werden. „Auch unsere Kapazitäten sind begrenzt“, sagt der Vorsitzende des Berufsverbands der Kasseler Kinder- und Jugendärzte. Das Gesundheitsamt ruft auf, das „Hamstern“ von Medikamenten zu unterlassen. „Es verschärft nur die Situation“, sagt ein Sprecher.

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