Zahl der Fälle war 2020 sprunghaft gestiegen – Firmen fürchten um Image

Viele Opfer zeigen Hacker nicht an: Zahl der Fälle in Region Kassel sprunghaft angestiegen.

Mehrere Unternehmen in der Region durch Hacker geschädigt: Die IHK geht von einer hohen Dunkelziffer aus, weil Firmen aus Sorge um ihr Image die Fälle nicht anzeigten.
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Mehrere Unternehmen in der Region durch Hacker geschädigt: Die IHK geht von einer hohen Dunkelziffer aus, weil Firmen aus Sorge um ihr Image die Fälle nicht anzeigten.

Mit der Netcom und den Stadtreinigern gab es dieses Jahr bereits zwei prominente Opfer von Hackerangriffen. Dabei waren dies keine Einzelfälle, wie die aktuellen Zahlen der Polizei zeigen.

Kassel - Bei dem Angriff auf das Kasseler Telekommunikationsunternehmen Netcom hatten es Hacker auf die internen Daten abgesehen, was zu erheblichen Problemen führte. Auf diesem Weg versuchten die Unbekannten, Geld von dem Unternehmen zu erpressen. Bei den Stadtreinigern musste die Internetseite nach einer Hackerattacke vom Netz genommen werden. Der Eigenbetrieb war in der Folge monatelang nicht im Internet präsent.

In der polizeilichen Kriminalstatistik tauchten Hackerangriffe nicht gesondert auf, so Polizeisprecher Matthias Mänz. Sie seien dort nur unter dem jeweiligen Straftatbestand registriert, den sie erfüllen: Computersabotage, Erpressung und so weiter. Eine exakte Auskunft über die Anzahl der Angriffe sei somit nicht möglich. Weil die Internetkriminalität in Nordhessen jedoch zentral von einem Fachkommissariat bearbeitet werde, könnten dessen Ermittler die Entwicklung gut einschätzen.

Nach Angaben der Fachleute habe die Zahl der angezeigten Hackerangriffe in den Jahren 2017 bis 2019 nur jeweils bei etwa einem Dutzend gelegen. Im vergangenen Jahr habe es einen deutlichen Anstieg auf etwa drei Dutzend Anzeigen gegeben, so der Polizeisprecher. Dies hänge mit der Schadsoftware Emotet zusammen. Von dieser waren überwiegend private Computernutzer betroffen. Ziel des Trojaners war es, betroffene Nutzer zu erpressen. Im Januar 2021 wurde Emotet schließlich von Europol unschädlich gemacht.

Während die Zahl der Hackerangriffe im laufenden Jahr wieder auf das Niveau vor Emotet gesunken ist, sind unter den Betroffenen nun aber vor allem größere Firmen aus der Region. Diese sehen sich jeweils mit Erpressungsversuchen konfrontiert. Mit Verweis auf den Datenschutz gibt die Polizei aber keine Namen preis.

Auch die Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg hat keine Zahlen zu Hackerangriffen. Erfahrungsgemäß würden Unternehmen aus Angst vor Imageverlust mit diesem Thema nicht an die Öffentlichkeit gehen, so IHK-Sprecher Andreas Nordlohne. Eine Ausnahme sei der Lebensmittelhändler Tegut gewesen, der im Frühjahr Opfer eines Cyberangriffs wurde, bei dem Kundendaten gestohlen wurden. Tegut betreibt auch in Kassel etliche Filialen.

„Für einen gezielten Angriff ist weniger die Unternehmensgröße entscheidend, sondern ob verwertbare Informationen abgeschöpft werden können. Viele Mittelständler betrachten sich nicht als reizvolles Ziel. Dabei geraten sie immer öfter ins Fadenkreuz“, so Michael Dietzsch, Projektleiter Wirtschaft Digital bei der IHK Kassel-Marburg.

Cyberkriminelle fischten beispielsweise nach Konstruktionsdaten, Kundendaten oder Prozess- und Verfahrensdokumentationen. Sie interessierten sich grundsätzlich für jede innovative und forschungsintensive Firma – und mit dem technologischen Fortschritt verschärfe sich die Lage, so der Experte der IHK weiter.

Immer neue Einfallstore bedrohten die IT- und Datensicherheit. Oft bemerkten Firmen nicht einmal, dass sie Opfer einer Cyberattacke geworden sind. Komme ein solcher Fall ans Tageslicht, schreckten Unternehmer in der Regel vor einer Anzeige zurück – die Furcht vor einem Imageverlust wiege zu schwer. Dabei sei der Austausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Sicherheitsbehörden wichtig, um Cyber-Angriffe zu verhindern.

Von Bastian Ludwig

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