Kasseler Wissenschaftler finden heraus: Dokumentationspflicht droht die Behörden zu überfordern

Zu viele Regeln behindern Jugendhilfe

Die Arbeit von Jugendämtern wird laut einer Studie der Uni Kassel durch eine Flut von Regeln erschwert. Foto: dpa

Kassel. Spektakuläre Fälle von Kindesmisshandlung in der Familie rufen die Öffentlichkeit auf den Plan, sei es der Tod des zweijährigen Kevin in Bremen, der vor sieben Jahren von der Polizei im Kühlschrank gefunden wurde, oder das schreckliche Ende des einjährigen Marcel in Kassel vor acht Jahren, der durch die brutale Behandlung seines Vaters starb.

Vor allem im erstgenannten Fall geriet dabei das Jugendamt ins Kreuzfeuer der Kritik. Der Tod des Jungen sei praktisch unter dessen Augen passiert, hieß es im „Spiegel“. Politiker handelten, indem sie gesetzliche Vorschriften zum Schutz des Kindeswohls ausbauten.

Wissenschaftler der Universität Kassel bezweifeln, dass einige dieser Vorschriften wirklich eine Hilfe für die Arbeit der Jugendämter sind. Die enorme Flut von Regelungen behindere deren Tätigkeit eher. Diesen Schluss ziehen die Forscher aus einer bundesweiten Befragung von 120 Akteuren aus dem Bereich der Kinder- und Jugendhilfe sowie anderen beteiligten Berufsgruppen (z.B. Kinderärzten, Polizei) im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit insgesamt 350 000 Euro geförderten Projekts Skippi.

Diagnoseblätter, Checklisten, Zielvereinbarungen, zahllose Vorschriften zur Einschaltung weiterer Behörden und Stellen sollen sicherstellen, dass die Sachbearbeiter des Jugendamts nichts versäumen, was für das Kindeswohl wichtig sein könnte. „Das dient der Absicherung, löst aber auch zusätzlichen Stress aus. Denn das Personal ist nicht in gleichem Maße aufgestockt worden“, sagt Hannu Turba, Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialwesen der Universität Kassel. Zusätzliche Verwaltungs- und Managementaufgaben engten die Sachbearbeiter in ihrer Arbeit nicht selten ein: „Durch ein starres Korsett werden den Mitarbeitern Spielräume genommen, auf wechselnde Situationen spontan und fallweise zu reagieren“, erklärt Prof. Dr. Ingo Bode, Leiter des Fachgebiets Sozialpolitik am Institut für Sozialwesen, der das Projekt mit Turba geleitet hat. Durch die Regelflut könne es passieren, dass das Jugendamt den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht sehe, ergänzt dieser.

Selbst die grundsätzlich positiv zu bewertende Zusammenarbeit vieler Stellen in der Kinder- und Jugendhilfe werde durch zu viele Vorschriften eher erschwert, meint er. Damit habe der Gesetzgeber genau das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte.

Turba hofft, dass neben Praktikern auch Politiker die Studie aus Kassel lesen und die gegenwärtigen Regelungen überdenken. (pdi) Foto: Dilling

Von Peter Dilling

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