Sportinstitut der Uni Kassel hat einen Unterricht entwickelt, der auch für behinderte Kinder geeignet ist

„Viele Sportlehrer sind verunsichert“

Ein Unterricht für alle: Ein Leitfaden, den die Unis Kassel und Gießen entwickelt haben, soll Sportlehrern helfen, Schülern mit und ohne Behinderung gleichermaßen gerecht zu werden. Foto: privat

Kassel. Möglichst bald sollen in Kassel Förderschulen der Vergangenheit angehören. Schüler mit und ohne Behinderungen sollen gemeinsam lernen – ohne dass dabei ein Kind zu kurz kommt. Das Schlagwort lautet Inklusion. Diese sieht auch die UN-Behindertenrechtskonvention vor, die seit fünf Jahren in Deutschland rechtskräftig ist.

Allen Kindern gleichermaßen gerecht zu werden, stellt die Lehrer aber vor eine große Herausforderung. „Das ist auch im Sportunterricht so“, sagt Volker Scheid, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Sportwissenschaft an der Universität Kassel. Gemeinsam mit der Universität Gießen wurde jetzt ein Leitfaden für Lehrkräfte entwickelt. Er soll helfen, den Sportunterricht an die unterschiedlichen Anforderungen der Schüler anzupassen.

?Wie sieht ein Sportunterricht aus, der alle Schüler gleichermaßen anspricht?

! Besonders Gruppenarbeiten spielen bei den Unterrichtseinheiten eine große Rolle. Es wird aber zugleich darauf geachtet, dass jedes Kind individuell gefördert wird. So wurde in Homberg ein Unterrichtsbeispiel entworfen, bei dem sich die Schüler in gemischten Gruppen Übungen mit einem Rollbrett ausdenken sollen. „Die Schüler können kreativ werden und bekommen nichts vom Lehrer aufgesetzt“, sagt Alexander Sommer, der damals als wissenschaftlicher Mitarbeiter an dem Projekt beteiligt war. Um eine Station zu entwickeln, müssen sich die Schüler untereinander absprechen und lernen, dabei Rücksicht aufeinander zu nehmen.

?Worauf wurde bei dem Leitfaden geachtet?

!Die Unterrichtsbeispiele wurden mit den Lehrern entwickelt. Die Ideen und Methoden wurden an den verschiedenen Schulen getestet und von Volker Scheid und Alexander Sommer kommentiert. „Das ist erprobter Unterricht, den wir zur Verfügung stellen“, betont Scheid. Trotzdem sei der Leitfaden nicht als ein Rezept zu verstehen, das eins zu eins umgesetzt werden kann. „Jede Klasse ist anders.“ Deshalb müssten die entwickelten Prinzipien immer wieder angepasst werden. Insgesamt wurden fünf Unterrichtseinheiten zu verschiedenen Bewegungsfeldern erarbeitet.

?Wie ist der Leitfaden entstanden?

!Eineinhalb Jahre haben Volker Scheid und Alexander Sommer an dem Forschungsprojekt gearbeitet. Insgesamt wurden vier Schulen in Hessen einbezogen. Darunter war auch eine Schule in Homberg. In allen Klassen waren Kinder mit und ohne Förderungsbedarf.

?Was sind die Erkenntnisse der Untersuchung?

!„Eine begleitende Befragung machte deutlich, dass viele Sportlehrer verunsichert und überfordert sind“, sagt Scheid. Ihnen fehlten oft Zeit und spezielle Qualifikation, um auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Das komme auch daher, dass ein Unterricht für behinderte und nicht behinderte Kinder in der Lehrerausbildung bislang kaum thematisiert werde. „Es muss sich dringend etwas ändern“, betont Scheid.

?Wie ist das Projekt entstanden?

!Konkrete Ausarbeitungen, wie man alle Kinder im Sportunterricht einbinden kann, sind laut Volker Scheid immer noch Mangelware. Deshalb trat das Kultusministerium mit dem Auftrag an den Professor heran, der zu Fragen der Integration und Inklusion forscht, einen Leitfaden zu entwickeln. Das Projekt wurde mit 120 000 Euro gefördert.

?Wo finden Sportlehrer den Leitfaden?

! Ab Herbst können sich Lehrkräfte den Leitfaden über die Schriftenreihe des Kultusministeriums bestellen oder herunterladen. Dazu soll es auch eine DVD mit Videoclips geben, welche die Unterrichtsentwürfe veranschaulicht.

Zudem erarbeitet die Zentrale Fortbildungseinrichtung für Sportlehrkräfte des Landes (ZFS) auf Basis der Erkenntnisse des Berichts ein Seminarkonzept.

Von Nina Thöne

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